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Die samstäglichen Partys auf der Seoul Gudamsch

Freitag, November 2nd, 2018

An Samstagen im Sommer verwandelt sich die Seoul Gudamsch Straße in UB zu einer Fußgängerzone. Die Stadtverwaltung hatte diese Idee und mittlerweile ist das schon eine echte Tradition geworden. Die Autofahrer kennen mittlerweile ihre Schleichwege und tragen das Ganze recht gelassen mit. Die Seoul Straße ist ja auch so schon die Kneipenmeile in UB und hier findet man neben dem California, einem Ku Damm und dem ehemals legendären Brauhaus um die zwanzig weitere Kneipen und Restaurants. Wobei vom Brauhaus heute wirklich nur noch ein besserer Imbiss übrig geblieben ist, die Hauptsache der Räumlichkeiten dienen derzeit einem Jazz Cafe und einem Hotpot. An den Samstagabenden kommen da noch etwa 20 Street Food Wagen dazu, die scheinbar extra für dieses Event gebastelt worden sind, denn sonst sieht man solche Gefährte kaum in den Stadt. Es werden Bänke und Tische auf der Fahrbahn aufgebaut und die Wahl fällt wirklich schwer, zwischen italienisch, chinesisch, Sushi oder Bratwurst. Wem das nicht gefällt, die ansässigen Kneipen bauen ihre Tische an den Abenden auch noch ein Stück weiter auf die Fahrbahn. Ein bischen Live Musik gibt es auch immer noch und an Publikum mangelt es auch fast nie, klar, bei 1,5 Millionen Einwohnern in der Stadt, sind immer welche auf der Suche nach etwas Abwechslung. Touristen sieht man dagegen eher weniger, die kennen die Veranstaltung ja nicht und wandeln dann eher auf der vergleichsweise langweiligen Enchtaiwan Gudamsch und landen am Ende bei einer der dortigen Kneipen mit Wohnzimmer- oder Suppenküchenambiente. Ja, die Friedensstraße, wie sie übersetzt heißt, ist zwar die Hauptstraße der Stadt, aber eine Fußgängeroase ist sie bestimmt nicht und zeitgemäß ist dort auch nichts mehr.
Insgesamt, bei schönem Wetter, ist das samstägliche Event auf der Seoul Straße auch für Touristen wirklich einen Besuch wert. Gelegentlich gibt es dann zum Beispiel Massen Salsa und ein paar hundert Tänzer nehmen den Asphalt in Anspruch. Es wird dann richtig gemütlich mongolisch, zwar nicht so wie der Tourist sich das mongolische Landleben vorstellt, aber es hat dennoch Unterschiede zu den in Deutschland aus dem Boden sprießenden Street Food Veranstaltungen. Es geht einfach lockerer zu und das Publikum versucht nicht den Hipster rüberzubringen, die gibt es zum Glück im Mongolischen gar nicht, und in den ebenfalls lustigen Wagen will niemand den Sternekoch auf die Straße bringen. Geschmacklich ist auch nicht alles perfekt, aber bei den Preisen kann man auch mal was in die Tonne geben und sich etwas anderes holen. Man sieht dann auch, wie hier üblich, nicht wenige kleine Kinder zu später Stunde zwischen dem Feierpublikum. Da es nur Bier und keinen Dschingis Vodka oder andere mongolische Bretterknaller gibt, bleibt die Atmosphäre auch zu später Stunde gelassen und friedlich, anders als bei einer typischen Feier auf dem Lande, die selten ohne eine Schlägerei endet. Insofern sind mir persönlich Events in der Stadt immer lieber als die ethnisch korrekten Feiern auf dem Lande, wo immer jemand eine alte Rechnung offen hat oder ein falsches Wort der Grund dafür ist, dass die Vodka Stimmung in Handgreiflichkeiten mündet. Begonnen wird dort oft mit emotionalen Liedern, beendet aber allzu oft mit Jammergesängen. Auf der improvisierten Fußgängerzone der Seoul Straße sieht man also eher das Gegenteil davon, aber wie schon an anderer Stelle mal geschrieben, die Mehrzahl aller Mongolen lebt in dieser Stadt und so kann man zumindest nicht behaupten, hier wäre nicht die wirkliche Mongolei zu hause.

Ist Ulaanbaatar die Mongolei?

Sonntag, April 1st, 2018

Die Frage mag absurd klingen, niemand würde die Frage danach stellen, ob München Bayern ist oder Prag die Tschechei. Bei Leuten die in die Mongolei reisen scheint das anders zu sein. Redet man mit potentiellen Mongoleitouristen über die bevorstehende Reise, dann hört man den Nebensatz, Ulaanbaatar wollte man insbesondere recht schnell hinter sich lassen, weil man in die echte Mongolei will. Auch viele Reisereportagen beginnen damit, dass man jetzt raus fährt in die wirkliche Mongolei. Klar mag das daran liegen, dass der klassische Mongolei-Tourist das Traditionelle und die Natur sucht und er eine ganz persönliche Perspektive auf die Mongolei hat, aber daraus hat sich schon fast eine Gewissheit entwickelt, es gibt da Ulaanbaatar und dann kommt die richtige Mongolei. Lässt sich so eine These untermauern? Ich sage nein. Ulaanbaatar ist bei Leibe keine Retortenstadt, sie wurde zwar bis 1989 maßgeblich von sowjetischen Planern, ich sage bewusst sowjetischen, denn das Russische war in der Sowjetunion ja nur ein Teil der Einflüsse, in Ulaanbaatar waren auch Kasachen, Moldawier oder Georgier am Werken, sie wurde also sowjetisch gestaltet aber nach 1990 war das dann auch vorbei. Das was von 1990 bis heute planerisch und baulich passierte, das ist im Wesentlichen hausgemacht, es ist das Ergebnis mongolische Stadtplaner und Bauherren. Diese Gebäude hat niemand von außen den Mongolen dorthin gestellt, wie das manche Reportage vermitteln will. Der Mongole lebt sehr wohl und auch gern im 15. Stock eines Hochhauses, selbst wenn er vielleicht in einer Viehzüchter Jurte geboren wurde. Er hat aber auch gern seine Datsche, ein kleines Stück Land am Stadtrand, wo er im Sommer wohnen möchte. Das der Mongole, selbst der ländliche, trotz aller Klischees kein Problem mit Enge hat, sieht man auch auf dem Lande wenn man sich mal so ein Kreiszentrum anschaut, wo sich Jurte an Jurte reiht oder bei dem klassischen Geschiebe und Gedränge sobald sich mal mehr als einhundert Mongolen zusammenfinden. Man kann also erst mal konstatieren, zumindest ist diese Stadt das, was sich Mongolen unter einer Metropole vorstellen, natürlich immer gemessen an den Möglichkeiten.

Das war also sozusagen die Hülle, schaut man sich jetzt die Bewohner an, so muss man ganz klar sagen, das ist der gesamte Querschnitt des Landes. Die Hälfte der Landesbevölkerung, also keine Elite oder besondere Gruppe lebt hier. Von dieser Hälfte aller Mongolen wiederum ist die Hälfte gerade mal in den letzten 25 Jahren in diese Stadt gezogen, täglich kommen ganze Viehzüchterfamilien dazu. Natürlich wohnen viele davon erstmal in einer Jurte am Stadtrand, aber die cleversten unter ihnen schaffen es auch schnell in eine Stadtwohnung und zu einem urbanen Leben, in dem sie aber kaum auffallen. Nun gibt es wiederum europäische Reisende, die dann sagen, das ist ein ganz anderer Menschtyp in dieser Stadt. Auf dem Lande sind die Leute so gastfreundlich und in der Stadt doch so unfreundlich, dem würde ich aber auch entschieden wiedersprechen wollen. In der Stadt kommt der Tourist ja wohl eher mit der Verkäuferin, dem Kellner oder dem Mitarbeiter im Hotel zusammen, also professionellen Dienstleistern und dafür sind nun mal Mongolen generell nicht auf die Welt gekommen, sie machen diese Jobs, aber eben nur gerade so gut, dass es keinen Ärger gibt. Wie sieht es aber mit der Gastfreundschaft auf dem Lande aus, die existiert schon, aber sie basiert auf Traditionen und sie ist aber auch ganz einfach eine willkommene Abwechslung im Alltag der Viehzüchter.  Im Grunde genommen verhält sich der Mongole in der Stadt kaum anders als der Viehzüchter auf dem Lande nur ist der Zugang des Reisenden ein ganz anderer.

Betrachtet man die ganze Stadt-Land Diskussion mal aus der kulturellen Perspektive, wobei ich in dem Fall kulturell als künstlerisch-kulturell verstanden wissen will, dann ist Ulaanbaatar eher das Herz als der Fremdkörper. Die mongolische Volkskunst, ob es der Obertongesang, die klassischen Instrumente oder die Malerei sind, ist heute eher das Produkt einer langwierigen Ausbildung als die Weitergabe von Fertigkeiten unter den Generationen einer Jurte. Um es mal ganz klar zu sagen, man wird auf dem Lande so gut wie gar keinen wirklich guten Obertonsänger oder eine perfekte Pferdekopfgeigenspielerin finden, ich habe in all den Jahren noch nicht einmal ein solches Instrument in einer Jurte liegen sehen. In dieser Frage geht der Punkt sogar ganz eindeutig nach Ulaanbaatar, wer traditionelle Musik auf hohem Niveau erleben möchte, der muss sich einfach in Ulaanbatar umsehen.

Die Stadt hat sich auch sonst auf ihre eigene, mongolische Art entwickelt. Sie stand kaum im Interesse internationaler Firmen oder Ketten. Die beiden Burgerbrater aus Übersee, zum Beispiel, hatten die Stadt 20 Jahre lang völlig ignoriert und die Mongolen haben ihre eigene Vorstellung davon entwickelt, Khaan Buuz war eine typisch mongolische Alternative. Wenn man auch heute mehr und mehr den langweiligen weltweiten Einheitstrends die Möglichkeit gibt sich festzusetzen, so kann man selbst da noch etwas typisch mongolisches erkennen, nämlich die Tatsache, dass man die Vielfalt zulässt. Man legt sich nicht darauf fest, ob man nun eher dem europäischen, amerikanischen oder koreanischen Style folgen will. Bei den Kaffees ist man voll auf Korea eingestellt, die Kneipen wollen eher tschechisch oder deutsch daherkommen und bei den Fastfood Läden geben mittlerweile doch die Amerikaner den Ton an und alle haben eines gemeinsam, die sagen wir mal, mongolische Art des Personals, was insbesondere bei den koreanischen Kaffees dazu führt, dass man merkt, man ist garantiert nicht in Korea. Sehr schnell hat man da in UB den Spruch „Willkommen bei… und den kleinen unterwürfigen Diener weggelassen, wenn ein Mongole das schauspielert wirkt es einfach nur makaber.

Zu guter Letzt muss man sogar konstatieren, selbst das Bild vom Leben als Nomade erfüllt der Hauptstädter zutreffender als der Viehzüchter im Changai. Der ist nämlich eher ein mit seiner unmittelbaren Heimat verbundener standorttreuer Zeitgenosse, er zieht von dem Sommer- in das Winterlager, sucht im Frühjahr noch ein auf Sichtweite stehenden Standort auf und das ganze läuft dann Jahr für Jahr immer wieder so ab. Am Ende seines Lebens hat der Viehzüchter im Changai gerade mal drei oder vier wirklich unterschiedliche „Wohnungen“ gehabt und seine weitesten Wege haben ihn ins Bezirkszentrum geführt, den sehr seltenen Besuch in der Hauptstadt mal außen vorgelassen. Und der Hauptstädter, der lebt den Nomaden förmlich aus, zum Studium nach Europa, dann mal ein paar Jahre in Korea oder den USA gejobbt. Ist er wieder zurück, wird sobald es die Gelegenheit ergibt nach Peking geflogen oder am Wochenende mit dem Zelt und dem Geländewagen irgendwo draußen zum Picknick und feiern gefahren.

Um jetzt wieder zur Ausgangsfrage zurückzukommen, ist Ulaanbaatar die Mongolei? Es ist vielleicht nicht das, was der Tourist für zwei Wochen sucht, wenn er Mongolei gebucht hat, aber es ist natürlich die Mongolei. Es ist nicht nur das wirtschaftliche Herz, es sind auch nahezu alle lebenswichtigen Organe. Es ist der Kopf, von hier aus wird nahezu alles gedacht, was irgendwie für das Land wichtig ist. Selbst wenn eine kleine Brücke irgendwo 1000 Kilometer im Westen kaputt geht, wartet der Bürgermeister dort, ob jemand aus Ulaanbaatar kommt und das Ding wieder in Ordnung bringt und die Stadt ist der Garant dafür, dass überhaupt noch Leute mit ihren Jurten und ihrem Vieh in der Steppe ein Auskommen haben. Davon abgesehen, gibt es Viehzüchter die in Jurten lebend, die Steppen beweiden in Kasachstan, in Kirigisien, in China und vielen angrenzenden Bereichen, Ulaanbaatar gibt es aber wirklich nur einmal, also ja, Ulaanbaatar ist die Mongolei!

Wintersport in UB

Mittwoch, Februar 15th, 2012

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Am Morgen ist man fast allein im Resort

Die Winter in UB sind heute lange nicht mehr so langweilig, wie noch vor Jahren. Wenn von Mitte November bis Anfang April der Dauerfrost die Stadt im Griff hat kann man zumindest als Skifahrer die Freizeit nutzen. Der Kunstschnee im Sky Resort am Bogd Uul macht es möglich. Ohne den geht aber hier garnichts, bei gerade mal fünf Zentimeter leichtem Polarschnee könnte man nicht mal die Langlaufbretter sinnvoll einsetzen, geschweige denn den Abfahrtsski benutzen. Anderseits sind die Kunstschneepisten am Bogd Uul jedem Naturschnee überlegen, ein standfester schneller Belag, der auch am Nachmittag noch beste Bedingungen bietet. Solange die Sonne scheint und kein Wind um die Berge streicht machen auch die Temperaturen um zwischen minus zehn und minus fünfundzwanzig Grad keine allzu großen Probleme. Für das Überstehen der Liftfahrt hat sich so jeder seine eigenen Tricks einfallen lassen, ein kleines Kissen zum Mitnehmen, ein Fell in die Hose gestopft, Fantasie ist auf alle Fälle gefragt. Volle Pisten braucht man hier selbst am Wochenende nicht zu befürchten, unter der Woche geht es sogar familiär zu, kaum mehr als vierzig oder fünfzig Skiläufer auf fünf Pisten. Möglicherweise sind da kaum mehr als die Stromkosten für den Lift gedeckt, aber dafür hat man ja volle fünf Monate Liftzeiten und abgesehen von ein paar ganz kalten Tagen ist nahezu jeden Tag Sonnnenschein garantiert. Nebel, Wolken oder Schneefall, der die Pisten fast unsichtbar macht ist hier unbekannt. An den Wochenenden kommen zu den Skifahrrern noch die Rodelfreunde. Man lässt sich auf dem Förderband knapp 100 Meter auf der speziellen Rodelbahn hochbefördern und kann dann in so einer Plastikschüssel wieder runterschlittern, das Vergnügen kostet natürlich auch Geld und sorgt für eine ganze Menge zusätzlicher Gäste die dann hauptsächlich im Restaurant für Umsatz sorgen.

Für Langläufer hat man etwa einen Kilometer Loipe gelegt, allerdings macht sich hier der Kunstschnee nicht so gut.

Alles in Allem ist das Sky Resort wirklich ein Gewinn für UB und es bleibt zu hoffen, dass man die Sache noch erweitert, Platz nach oben ist genug, allerdings haben wohl die Grünen schon im Vorfeld Proteste angmeldet, sollte man weiter in den Wald gehen. Es wäre aber sehr Schade, wenn man wegen dreißig oder vierzig Lärchen keine Perspektive für die Pistenentwicklung hätte, zumal heute ganze Täler am Bogd Uul für Villenanlagen verbaut werden. Man kann den Investoren eigentlich nur wünschen, daß es eine gute Saison wird und das denen die Puste nicht ausgeht.

Legenden um das mongolische Nomadenleben

Donnerstag, Dezember 1st, 2011

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Jurte in den Hochlagen des Changai

Um den mongolischen Nomaden und seine Lebensweise ranken sich in Europa zahlreiche Legenden und man pflegt auch beharrlich Mythen. Selbst Journalisten schreiben nicht selten, eben erst bei dem Kanzlerinnenbesuch konnte man das beobachten, Dinge, die aus ihrer Vorstellung entspringen, aber weniger der Recherche oder gar eigener Anschauung.

Allen voran steht die Vorstellung der umherziehenden, nichtsesshaften Sippe, die heute hier, morgen da ihre Jurte aufschlägt. Die Realität sieht deutlich anders aus. Jeder Viehzüchter in der Mongolei hat bestimmte Weidegebiete, die er nutzen darf. Je nach Vegetation sind diese Weidegründe, in denen er sein Vieh weidet größer oder kleinräumiger. Im Norden, bei genügend Grün und Zugang zu Wasser kann es sein, dass die Herde wochenlang an der gleichen Stelle genügend Futter findet, dann bleibt natürlich auch die Jurte dort stehen. Was man aber immer antrifft, ist ein spezieller geschützter Lagerplatz für den Winter und ein Sommerlager. Was dazwischen passiert ist sehr unterschiedlich, in trockenen Regionen können das 5 bis 10 unterschiedliche Standorte sein, wenns günstiger ist auch nur einer oder zwei. Auch ist der Aktionsradius recht unterschiedlich, von drei, vier Kilometern bis vielleicht 50, aber immer wird der Viehzüchter die Orte aufsuchen, wo er schon immer seine Jurte aufgebaut hat. Ein Viehzüchter in der Gebirgswaldsteppe des Changai oder im Norden des Landes wird also kaum größere Wanderungen unternehmen, sein Standort ist auch ziemlich genau bekannt, die Verwaltung und auch die Nachbarn wissen natürlich wo er ist, er hat auch sozusagen eine amtliche Adresse, natürlich nicht mit Straßennamen und Hausnummer, aber der Kreis und die Gegend wo er lebt sind bekannt. Er ist dort registriert, hat einen Pass und alle Rechte und Pflichten wie ein Bürger in der Hauptstadt. Ich habe Familien getroffen, die wohnten im Sommer am Seeufer und als ich nach dem Winterlager fragte, zeigten sie auf eine Holzhütte am nahen Bergfuß, hier waren sie geboren und hier würden sie vermutlich auch bis zum Lebensende bleiben. Die meisten Deutschen sind mehr Nomade als diese Leute.

Eine weitere Legende sind die Großfamilien oder gar Clans, die in den Köpfen der Menschen hierzulande die Steppe bevölkern. Ein Ail, also die kleinste Einheit der Viehzüchter kann aus einer manchmal zwei oder drei, aber kaum mehr Jurten bestehen. Es sind in der Regel, die Eltern mit den kleineren Kindern, eventuell noch die Großeltern, die da zusammenwohnen. Sollten sich mehr als zwei Jurten zusammenfinden ist oft eher eine fremde Familie dabei, als direkte Verwandte. Auch wenn eine Viehzüchterin fünf oder sechs Kinder hat, es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass die dann, einmal erwachsen, auch alle zusammen wohnen. Es gibt auch keinen sonderlich festen Zusammenhalt innerhalb der Verwandtschaft, insbesondere keine wirtschaftlichen Verknüpfungen, jeder macht eigentlich sein Ding. Das merkt man dann auch deutlich in der Stadtbevölkerung, ist jemand zu Vermögen gekommen und hat eine Firma oder sonst wie Macht und Einfluss, dann wird er sich eher einen verlässlichen Geschäftspartner suchen, als beispielweise die Geschwister oder gar noch entferntere Verwandte mit ins Boot zu nehmen.                

Die wohl unwahrste Vorstellung ist die von einem mächtigen männlichen Familienoberhaupt, der die Geschicke in der Jurte bestimmt. Die Frauen haben in der Jurte eindeutig das Sagen. Sie verwalten das Geld und Treffen die wichtigen Entscheidungen. Dem Gast wird in der Jurte zwar eine Vorstellung geboten, bei der die Frau den Mann bedient und der Anschein erweckt wird es handelte sich um eine absolute Autorität, aber das kann man getrost als Inszenierung betrachten, der Mann hat seine Freiheiten und kleine Privilegien, aber zu sagen hat er eigentlich nicht viel.       

Der mongolische Viehzüchter ist auch kein zivilisationsverachtender Weltfremdling. Nahezu alle Viehzüchter haben in ihrer Kindheit mal eine Schule in einer Siedlung besucht, oft dann auch in einem Internat gelebt. Sie sehen für ihr Leben gern TV, sofern der Empfang das hergibt und träumen alle davon ein Auto zu besitzen, zumindest die Männer. Sehr selten ist es auch der in der westlichen Vorstellung lebende Naturmensch, dem der Einklang mit derselben über alles geht. Er versucht natürlich traditionell die Ressourcen so nutzen, dass er sich nicht selbst die Existenz abgräbt, aber das wars oft auch schon. Der Müll fliegt in die Landschaft, Hauptsache man stolpert nicht selbst drüber, wenn Kaschmirwolle hoch im Kurs steht, dann werden eben wider besseren Wissens Ziegen statt Schafe gehalten und wenn ein paar Bäume in der Nähe sind, dann kommen die in den Ofen anstatt traditionell der Dung, das macht schneller warm und ist einfacher zu sammeln.

Nun haben meine Ausführungen vielleicht den einen oder anderen der bald mal in die Mongolei fahren wollte desillusioniert, aber es ist trotzdem interessant mal in einer Jurte vorbeizuschauen und mit den Leuten reden, gerade weil sie eben doch so unexotisch sind.  Man trifft in der Regel ganz coole Leute, die es schaffen unter extremsten Bedingungen zu leben, bei denen jeder deutsche Aussteiger nach ein paar Tagen alles hinschmeißen würde.                 

Die kleine MIAT Expansion

Freitag, Oktober 21st, 2011

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                                  neues Corporate Design der MIAT 

Eine weitere gute Nachricht von der mongolischen Luftfahrtbranche, die MIAT hat vor ein paar Tagen ihre zweite B 767-300 erhalten.

Es war eigentlich auch bitter nötig, denn mit nur einem Langstreckenflieger war das Risiko hoch, auf der Ulaanbaatar-Berlin Strecke völlig in der Luft zu hängen, wenn der eine Flieger den es bisher dafür gab mal am Boden bleiben muss. Man hat dann auch gleich seine Pläne mit dem neuen Flieger bekanntgegeben. Neue Ziele in Asien, wobei nicht ganz klar ist, wie mit nur einem Flugzeug mehr auf einmal eine ganze Reihe neuer Airports in Reichweite gelangen soll. Es klang insgesamt alles ein wenig nach typisch mongolischen Optimismus, denn zum Einen muss man bei neuen Verbindungen auch Infrastruktur vor Ort installieren und man muss die Flieger möglichst voll kriegen. Es weis auch jeder, dass solche dünnen Linien, die mit 2 Flügen pro Woche hinkommen müssen selten effizient sind. Fraglich ist auch, wie man beispielsweise Flieger nach Hanoi voll bekommen möchte. Vietnamesen haben vermutlich weder Lust noch das Geld in die Mongolei in Urlaub fliegen zu wollen und Geschäftsleute aus Vietnam sind eher was Exotisches. Was der Mongole in Hanoi sucht erschließt sich mir auch nicht so richtig. Besser klingt da schon die Shanghai Verbindung. In der Stadt leben eine Unmasse westeuropäischer Geschäftsleute oft auch mit ihren Familien, die alle gerne Sommerurlaub machen und die Mongolei ist für gutverdienende Westeuropäer schon lange ein Ziel, warum sollte das in Shanghai anders sein, ich kenne auch genügend Beispiele dafür. Selbst im Winter könnte das was werden, wenn die Leute dort in der trüben und doch recht kühlen Stadt sitzen hätten sie sicher lieber ein paar richtige sonnige Wintertage mit Schnee und Pistenspaß, da bietet es sich schon an, mal in drei Stunden bis Ulaanbaatar zu fliegen und ein klein wenig Österreich Feeling im Skyresort am Bogd Uul zu tanken.Die chinesischen Skigebiete liegen auch kaum näher und in Ulaanbaatar wirkt das alles schon viel vertrauter und europäischer als auf den ziemlich spaßarmen Anlagen nördlich von Peking mit den vielen chinesischen Pistenameisen und ihrem recht chaotischen Gezappel auf den viel zu großen Brettern .

Um wieder auf die neuen Flugverbindungen zu kommen, es wäre sicherlich besser sich mehr auf den Ausbau der bestehenden zu konzentrieren, ich meine da insbesondere auch Berlin und Hongkong. Hongkong scheint sich ja richtig gut zu entwickeln, zumal es ja auch ein absolut sinnvolles Drehkreuz für Flüge auf die Südhalbkugel ist.

Berlin wäre natürlich ein ganz heißer Renner, wenn man mit dem nagelneuen Großflughafen und den unendlichen innereuropäischen Anschlussmöglichkeiten auf ein 5 oder gar 6 Tage Angebot gehen würde, aber halt, was liest man da wieder, die wollen schon wieder nach Frankfurt?  Das Experiment, dass vor Jahren schon mal wegen hoher Kosten und geringer Passagierzahlen eingestellt wurde und das im vergangen Jahr wieder diskutiert und dazu geführt hatte, dass die Flugpläne im März immer noch nicht standen, dieser Unfug wird schon wieder aufgewärmt?  Man kann es kaum glauben, die MIAT hat zwanzig Jahre lang teilweise als einzige Fernstrecke Berlin angeflogen und jetzt, wo der modernste Flughafen Europas eröffnet wird, wo bereits über zehn interkontinentale Fernziele von der deutschen Hauptstadt angeflogen werden, jetzt wird schon wieder darüber geredet nach Hessen umzusiedeln. Frankfurt hat gerade einen riesigen Dämpfer zum Nachtflugverbot erhalten, der günstige Europa Zubringer Easy Jet hat sich verabschiedet und für Economy Touristen bedeutet Frankfurt die Service- und Logistikwüste schlechthin, warum wird wieder diese Diskussion betrieben?

Für eine Fluggesellschaft wie die MIAT und deren potentielle Kunden ist doch völlig wurscht, ob da ein paar Interkontinentalflüge mehr oder weniger abgehen, was die MIAT braucht, sind billige Anbieter, die ein dichtes europäisches Netz bedienen, sie braucht zudem die Nähe zu den Stammfliegern, also Mongolen in Deutschland, Geschäftsleuten mit Kontakten in die Mongolei und die sitzen nun mal eher in Berlin und sie braucht mit ihren häufigen Wetter bedingten Verspätungen einen Flughafen, der da flexibel genug reagiert und keinen total überlasteten Airport für den die Exoten MIAT am Ende immer das fünfte Rad am Wagen ist.

BER hat oder wird das alles haben, freie Kapazitäten in jeder Beziehung, jahrelange Kontakte mit der MIAT und vor allem günstige Zubringer wie Easy Jet, Air Berlin und Germanwings  sind die idealen Mitspieler, wenn die MIAT die Kunden in England, Frankreich, Spanien oder Holland erreichen möchte. Was man im Übrigen nicht vergessen sollte, der Flug von Berlin ist rund eine Stunde kürzer als der von Frankfurt nun mag man bei der MIAT denken, was ist schon eine Stunde, aber große internationale Fluggesellschaften sehen das etwas anders. Wenn man auch mal ein wenig Vision walten lässt, mit Berlin hätte die MIAT sogar die theoretische Chance auf ein kleines Drehkreuz für Ostasien Kunden aus Berlin, der Flug Berlin – Ulaanbaatar – Tokio oder Seoul wäre mit günstigem Anschluss um bis zu drei Stunden kürzer als der Umweg von Berlin über Frankfurt. Man hat so was ja schon mal knapp eingerichtet, als es zur Ankunft des Berlinfliegers in UB eine Stunde später weiter nach Tokio ging. Allerdings muss man solche Angebote auch bewerben und die Voraussetzungen für einen Transit in UB ganz klar regeln.               

                   

Reisebericht Khentij ohne Klischees

Freitag, September 30th, 2011

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 Einsame mongolische Wildnis im Khentij

Wir haben auf der Reiseberichte Seite www.reiseberichte-mongolei.de gerade einen neuen Reisebericht online geschaltet. Die Schilderung dreht sich um eine Reittour in den Khentij nördlich von Ulaanbaatar, insofern unterscheidet sich der Bericht von den sonst üblichen Mongoleireiseberichten im Netz.

Es ist keine Bericht, der möglichst viele und möglichst weit aus einander liegende Ziele einer hastigen Tour im geländegängigen Mikrobus beschreibt, mit allen möglichen Mongoleiklischees über Nomadenleben, Klöster und Anekdoten vom Stopp in staubigen Sumonzentren, es ist das Erlebnis des langsamen aber intensiven Eintauchens in eine unbewohnte Gebirgslandschaft ganz nahe der Hauptstadt.

Es ist die Schilderung eines besonders intensiven Erlebnisses, das aber ohne das ganz Spektakuläre und auch ohne die Beischmückungen eines Kulturschocks auskommt, denn dort wo die Reise hinging reduziert sich Kultur auf Urnatur.

Der Bericht soll auch ein wenig Aufklärung geben, nicht jede Mongoleireise muss mit 3000 Kilometern Offroadfahrt und mit den sogenannten und heute so beliebten „Pictures Places“ aus einschlägigen Reiseführern gestaltet werden um zum Erlebnis zu werden. Oftmals beschreiben diese Führer rechte Banalitäten, weil sie einfach dem vorgegebenen Zwang unterliegen, für jeden Ort oder zumindest alle paar Kilometer auf einem Tourvorschlag ein Highlight anbieten zu müssen. Spätestens nach 3 Stunden im Auto will der normale Tourist wieder irgendetwas gesehen haben, was ihm der geliebte Reiseführer als unbedingt sehenswert anbietet, zumindest denkt der Verleger das. Dazu werden dann kleine, an sich unbedeutende Klosterruinen zum Weltkulturgut,  ein eigentlich unspektakulärer Felsmonolith zu einem wundersamen Orten mit magischen Kräften, eine trostlose Siedlung mit einer muffigen Schwefelquelle zu einem Heilbad oder eine handvoll Beizjäger, was es ja selbst in Deutschland gibt, muss für eine ganze Region die Identität stiften. Manchmal muss auch einfach nur eine primitive Kuchenbäckerei in der Provinz dafür herhalten, weil die einfach von einem Engländer betrieben wird, also bitte, fährt man in die Mongolei um einen völlig überteuerten Plumkuchen unter den Leuten zu Essen, die man auch zu Hause jeden Tag trifft?      

Das solche „Pictures Places“ bei Mongoleireisenden aber oft gar nicht das Ziel sind, merken viele erst nach der Reise, wenn sie ihre Bilder in der Hand halten, dann sind Landschaften, Lichtstimmungen, spontane Begegnungen und ähnliches die schönsten Fotos, die  vermeintlichen „Pictures Places“ dagegen eher unbedeutend.      

Genau da setzt die Botschaft des Reiseberichtes an, wenn man das Wort Botschaft dafür verwenden kann, eine Mongoleireise muss nicht bis in den letzten Winkel des Landes führen, viel wichtiger ist es Zeit zu haben, die Geschwindigkeit dem Leben dort anzupassen, die Natur und die Landschaft an sich als den Höhepunkt zu sehen und das viel beschworene Abseits der Touristenwege findet man mit Sicherheit nicht unter den ominösen Geheimtipps der bekannten Reiseführer.

hier noch der Link:  http://www.reiseberichte-mongolei.de/36.html