Ist Ulaanbaatar die Mongolei?

April 1st, 2018

Die Frage mag absurd klingen, niemand würde die Frage danach stellen, ob München Bayern ist oder Prag die Tschechei. Bei Leuten die in die Mongolei reisen scheint das anders zu sein. Redet man mit potentiellen Mongoleitouristen über die bevorstehende Reise, dann hört man den Nebensatz, Ulaanbaatar wollte man insbesondere recht schnell hinter sich lassen, weil man in die echte Mongolei will. Auch viele Reisereportagen beginnen damit, dass man jetzt raus fährt in die wirkliche Mongolei. Klar mag das daran liegen, dass der klassische Mongolei-Tourist das Traditionelle und die Natur sucht und er eine ganz persönliche Perspektive auf die Mongolei hat, aber daraus hat sich schon fast eine Gewissheit entwickelt, es gibt da Ulaanbaatar und dann kommt die richtige Mongolei. Lässt sich so eine These untermauern? Ich sage nein. Ulaanbaatar ist bei Leibe keine Retortenstadt, sie wurde zwar bis 1989 maßgeblich von sowjetischen Planern, ich sage bewusst sowjetischen, denn das Russische war in der Sowjetunion ja nur ein Teil der Einflüsse, in Ulaanbaatar waren auch Kasachen, Moldawier oder Georgier am Werken, sie wurde also sowjetisch gestaltet aber nach 1990 war das dann auch vorbei. Das was von 1990 bis heute planerisch und baulich passierte, das ist im Wesentlichen hausgemacht, es ist das Ergebnis mongolische Stadtplaner und Bauherren. Diese Gebäude hat niemand von außen den Mongolen dorthin gestellt, wie das manche Reportage vermitteln will. Der Mongole lebt sehr wohl und auch gern im 15. Stock eines Hochhauses, selbst wenn er vielleicht in einer Viehzüchter Jurte geboren wurde. Er hat aber auch gern seine Datsche, ein kleines Stück Land am Stadtrand, wo er im Sommer wohnen möchte. Das der Mongole, selbst der ländliche, trotz aller Klischees kein Problem mit Enge hat, sieht man auch auf dem Lande wenn man sich mal so ein Kreiszentrum anschaut, wo sich Jurte an Jurte reiht oder bei dem klassischen Geschiebe und Gedränge sobald sich mal mehr als einhundert Mongolen zusammenfinden. Man kann also erst mal konstatieren, zumindest ist diese Stadt das, was sich Mongolen unter einer Metropole vorstellen, natürlich immer gemessen an den Möglichkeiten.

Das war also sozusagen die Hülle, schaut man sich jetzt die Bewohner an, so muss man ganz klar sagen, das ist der gesamte Querschnitt des Landes. Die Hälfte der Landesbevölkerung, also keine Elite oder besondere Gruppe lebt hier. Von dieser Hälfte aller Mongolen wiederum ist die Hälfte gerade mal in den letzten 25 Jahren in diese Stadt gezogen, täglich kommen ganze Viehzüchterfamilien dazu. Natürlich wohnen viele davon erstmal in einer Jurte am Stadtrand, aber die cleversten unter ihnen schaffen es auch schnell in eine Stadtwohnung und zu einem urbanen Leben, in dem sie aber kaum auffallen. Nun gibt es wiederum europäische Reisende, die dann sagen, das ist ein ganz anderer Menschtyp in dieser Stadt. Auf dem Lande sind die Leute so gastfreundlich und in der Stadt doch so unfreundlich, dem würde ich aber auch entschieden wiedersprechen wollen. In der Stadt kommt der Tourist ja wohl eher mit der Verkäuferin, dem Kellner oder dem Mitarbeiter im Hotel zusammen, also professionellen Dienstleistern und dafür sind nun mal Mongolen generell nicht auf die Welt gekommen, sie machen diese Jobs, aber eben nur gerade so gut, dass es keinen Ärger gibt. Wie sieht es aber mit der Gastfreundschaft auf dem Lande aus, die existiert schon, aber sie basiert auf Traditionen und sie ist aber auch ganz einfach eine willkommene Abwechslung im Alltag der Viehzüchter.  Im Grunde genommen verhält sich der Mongole in der Stadt kaum anders als der Viehzüchter auf dem Lande nur ist der Zugang des Reisenden ein ganz anderer.

Betrachtet man die ganze Stadt-Land Diskussion mal aus der kulturellen Perspektive, wobei ich in dem Fall kulturell als künstlerisch-kulturell verstanden wissen will, dann ist Ulaanbaatar eher das Herz als der Fremdkörper. Die mongolische Volkskunst, ob es der Obertongesang, die klassischen Instrumente oder die Malerei sind, ist heute eher das Produkt einer langwierigen Ausbildung als die Weitergabe von Fertigkeiten unter den Generationen einer Jurte. Um es mal ganz klar zu sagen, man wird auf dem Lande so gut wie gar keinen wirklich guten Obertonsänger oder eine perfekte Pferdekopfgeigenspielerin finden, ich habe in all den Jahren noch nicht einmal ein solches Instrument in einer Jurte liegen sehen. In dieser Frage geht der Punkt sogar ganz eindeutig nach Ulaanbaatar, wer traditionelle Musik auf hohem Niveau erleben möchte, der muss sich einfach in Ulaanbatar umsehen.

Die Stadt hat sich auch sonst auf ihre eigene, mongolische Art entwickelt. Sie stand kaum im Interesse internationaler Firmen oder Ketten. Die beiden Burgerbrater aus Übersee, zum Beispiel, hatten die Stadt 20 Jahre lang völlig ignoriert und die Mongolen haben ihre eigene Vorstellung davon entwickelt, Khaan Buuz war eine typisch mongolische Alternative. Wenn man auch heute mehr und mehr den langweiligen weltweiten Einheitstrends die Möglichkeit gibt sich festzusetzen, so kann man selbst da noch etwas typisch mongolisches erkennen, nämlich die Tatsache, dass man die Vielfalt zulässt. Man legt sich nicht darauf fest, ob man nun eher dem europäischen, amerikanischen oder koreanischen Style folgen will. Bei den Kaffees ist man voll auf Korea eingestellt, die Kneipen wollen eher tschechisch oder deutsch daherkommen und bei den Fastfood Läden geben mittlerweile doch die Amerikaner den Ton an und alle haben eines gemeinsam, die sagen wir mal, mongolische Art des Personals, was insbesondere bei den koreanischen Kaffees dazu führt, dass man merkt, man ist garantiert nicht in Korea. Sehr schnell hat man da in UB den Spruch „Willkommen bei… und den kleinen unterwürfigen Diener weggelassen, wenn ein Mongole das schauspielert wirkt es einfach nur makaber.

Zu guter Letzt muss man sogar konstatieren, selbst das Bild vom Leben als Nomade erfüllt der Hauptstädter zutreffender als der Viehzüchter im Changai. Der ist nämlich eher ein mit seiner unmittelbaren Heimat verbundener standorttreuer Zeitgenosse, er zieht von dem Sommer- in das Winterlager, sucht im Frühjahr noch ein auf Sichtweite stehenden Standort auf und das ganze läuft dann Jahr für Jahr immer wieder so ab. Am Ende seines Lebens hat der Viehzüchter im Changai gerade mal drei oder vier wirklich unterschiedliche „Wohnungen“ gehabt und seine weitesten Wege haben ihn ins Bezirkszentrum geführt, den sehr seltenen Besuch in der Hauptstadt mal außen vorgelassen. Und der Hauptstädter, der lebt den Nomaden förmlich aus, zum Studium nach Europa, dann mal ein paar Jahre in Korea oder den USA gejobbt. Ist er wieder zurück, wird sobald es die Gelegenheit ergibt nach Peking geflogen oder am Wochenende mit dem Zelt und dem Geländewagen irgendwo draußen zum Picknick und feiern gefahren.

Um jetzt wieder zur Ausgangsfrage zurückzukommen, ist Ulaanbaatar die Mongolei? Es ist vielleicht nicht das, was der Tourist für zwei Wochen sucht, wenn er Mongolei gebucht hat, aber es ist natürlich die Mongolei. Es ist nicht nur das wirtschaftliche Herz, es sind auch nahezu alle lebenswichtigen Organe. Es ist der Kopf, von hier aus wird nahezu alles gedacht, was irgendwie für das Land wichtig ist. Selbst wenn eine kleine Brücke irgendwo 1000 Kilometer im Westen kaputt geht, wartet der Bürgermeister dort, ob jemand aus Ulaanbaatar kommt und das Ding wieder in Ordnung bringt und die Stadt ist der Garant dafür, dass überhaupt noch Leute mit ihren Jurten und ihrem Vieh in der Steppe ein Auskommen haben. Davon abgesehen, gibt es Viehzüchter die in Jurten lebend, die Steppen beweiden in Kasachstan, in Kirigisien, in China und vielen angrenzenden Bereichen, Ulaanbaatar gibt es aber wirklich nur einmal, also ja, Ulaanbaatar ist die Mongolei!

Altan Urag – mongolischer Folk Rock der feinsten Art

November 12th, 2013

zum 10- jährigen Bandjubiläum gab es ein Super-Konzert  

Mit diesem Beitrag möchte ich mal ein paar Sätze über die vielleicht interessanteste Erscheinung der mongolischen Musikszene der letzten Jahre verlieren. Klar gibt es einige mongolische Musikgruppen die auch traditionelle und moderne Elemente miteinander verbinden und zumindest in Deutschland bekannter sind als Altan Urag, aber keine dieser Gruppen hat auch nur annähernd die internationale Resonanz wie die Folk Rock Band mit der Frau am Schlagzeug. Manche Videos von Altan Urag schaffen es auf youtube locker auf einhunderttausend Klicks und wenn man mal die Statistik dazu ansieht, geht das um die ganze Welt. Mir sind die genialen Musiker das erste mal im „Ich Mongol“, einer großen und ziemlich lebhaften Kneipe in Ulaanbaatar aufgefallen, in der regelmäßig Live Musik präsentiert wird. Bei Altan Urag war es Begeisterung auf den ersten Ton. Allein die Tatsache, dass man mit traditionellen mongolischen Instrumenten elektronisch arbeitet und dabei einen absolut eigenen Sound kreiert war bis dato für mich ebenso einmalig wie beeindruckend. Man muss auch sagen, wenn es heute Nachahmer gibt, sie waren definitiv die Erfinder dieser genialen Symbiose. Dagegen ist Crossover von hierzulande mit David Garrett oder einer der zahllosen Geigenmädchen langweiligste Popkultur auf Seifenopernniveau. Die europäische Geige erreicht auch elektronisch nie den Drive, den man mit einer gut gespielten Pferdekopfgeige erzeugen kann.

Auch wenn die Band heute immer noch im „Ich Mongol“ oder anderen Eventkneipen der mongolischen Hauptstadt spielt, sie sind internationale Stars. Sie werden für Filmmusiken ausländischer Produktionen verpflichtet, treten auf Festivals im Ausland auf und ihre CD s sind im Koffer vieler Touristen nach ihrem Mongoleiurlaub. Im Internet haben sie eine weltweite Fanbase und die Kommentare auf den Videoseiten sprechen eine eindeutige Sprache. Sie haben allerdings das Problem aller mongolischer Bands, große Livetourneen sind einfach nicht machbar, es fehlt der Markt dafür, es gibt außer in Ulaanbaatar kaum mehr als drei weitere Städte in denen man überhaupt ein großes Konzert auf die Beine stellen könnte. So sind große Live-Konzerte der fünf eine echte Rarität. Zum Naadam 2013 gab es ein solches, zehn Jahre Altan Urag mit einer ganzen Menge Gastmusiker im sogenannten Kulturpalast am Suche Baatar Platz. Kommerziell war das Event für die Band sicherlich kein Höhepunkt, mit Tänzern und Gastmusikern waren um die fünfzig Personen beteiligt, vom Erlebnis her war es aber als Folk Rock Konzert kaum noch zu toppen. Ein aufwändiges Licht, kombiniert mit wirklich gutem Sound bildeten den Rahmen für drei Stunden Bühnenpower. Die ohnehin schon gute Schlagzeugerin wurde von zwei weiteren Drummern unterstützt und mit dem mongolischen Morin Khuur Orchester spielten teilweise über dreißig Leute den einmaligen Altan Urag Sound. Eigentlich hätte man mit dem Programm auf Tournee gehen und in Europa große Hallen bespielen können, es fehlt eben mal die große Agentur, die dieses Potential entdeckt.

Wer bei seinem Mongoleiurlaub irgendwie die Möglichkeit hat Altan Urag erleben zu können, der sollte sich die Zeit dafür nehmen. Diese Musik ist fast ein Symbol für die heutige Mongolei, die allgegenwärtige Symbiose aus Tradition und Moderne, die in der Mongolei,  wie kaum anderswo in der Welt, geradezu ineinander verschwimmt.

Die aberwitzigen Bauprojekte aus UB

Oktober 26th, 2012

 stadt-510.jpg

Nachdem für Oberschichtenwohnviertel ganze Täler geopfert werden, will die Regierung nun auch aus Ulaanbaatar rausziehen

Im Sommer 2011 hatte ich das Vergnügen in ein Projektbüro in Ulaanbaatar eingeladen zu werden, dass sich mit der Planung einer Studentenstadt beschäftigte.

Es war eine staatliche Einrichtung, die im Auftrag des Bildungsministeriums halb privatwirtschaftlich, halb behördlich agierte. Im Büro erwarteten mich ein paar Mitarbeiter an weitgehend leeren Schreibtischen, lediglich ein älterer Mann mit kariertem Hemd und Strickjacke bemühte sich gerade mit Lineal und Bleistift in einer topografischen Karte eine Gefällestrecke zu ermitteln. Ihm gegenüber saß ein junger Mensch im glänzenden Anzug und beschäftigte sich permanent mit seinem iPhon.

Mein Gesprächpartner, der Chef des Büros, empfing mich mit den leider so typischen philosophischen Phrasen, die zumindest schlechte mongolische Verwaltungsbeamte so ständig an den Mann bringen wollten. Der eigentliche Schatz der Mongolei sei nicht, wie alle Denken, im Boden versteckt, sondern in den Köpfen der jungen Leute und er sei mit seinem Projekt sozusagen der Bergmann des Wissens. Da ich die Mongolei und seine hohen Beamten seit vielen Jahren kenne, hat mich das recht wenig beeindruckt und ich wollte relativ schnell zur Sache kommen. Er führte mich dann an ein Modell auf dem zahllose Holzklötzchen verschiedene Gebäude darstellen sollten. Solche Modelle waren im ehemaligen Ostblock sehr beliebt, da man damit den Parteifunktionären in einer recht primitiven Form die Ausmaße eines Großprojektes veranschaulichen und für Zustimmung werben konnte. Neben einer Unmenge von Quadern für verschiedenartige Gebäude konnte man natürlich auch Sportanlagen, ein Stadion, Parkanlagen, ein Schwimmbad und Veranstaltungsgebäude erkennen. Interessant war, dass es sich nicht um einen neuen Stadtteil von Ulaanbaatar handeln sollte, nein es sollte eine neue Stadt werden. Eine Studentenstadt ungefähr dreißig Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Hier wollte man also all das, was man in Ulaanbaatar an Problemen seit Jahren nicht in den Griff bekommt mit einem Schlag von Anfang an gelöst haben.

In diesem elitären Stadtsatelliten sollten zukünftig alle Studenten der Mongolei, alle Hochschulen und Universitäten samt ihren Dozenten, Mitarbeitern und deren Familien, also einhunderttausend Menschen leben. Der Chef war unglaublich begeistert von diesem Projekt und schwärmte davon, dass damit die Mongolei zur Wissenschaftsnation aufsteigen würde. Ich sah die Sache allerdings etwas anders und konnte mir den Gedanken nicht verkneifen, dass irgendwelche Leute einfach wollten, dass ihre Kinder ihr Studium abseits des Blickes auf Jurtensiedlungen, ohne Verkehrsstau und Smog im Winter, in einer Umgebung genießen können, die keine sozialen Verwerfungen zeigt und in der die Armut einfach draußen bleibt.

Mit gefiel also das Projekt vom ersten Moment an nicht, ich versuchte aber dennoch hinter ein paar Zahlen und Fakten zu kommen. Das war aber fast unmöglich. Der Chef kannte noch eine große Gesamtsumme, das waren 3,6 Milliarden USD, das wäre Bildung schon wert, wie er sagte. Mir schien das für den mongolischen Staatshaushalt eine geradezu utopische Größenordnung, wo bisher die größten staatlichen Infrastrukturprojekte im unteren zweistelligen Millionenbereich enden.  Auf die Frage, wie lange an dem Projekt gebaut werden sollte, meinte er maximal fünf Jahre! Das wären dann doch über 700 Millionen USD pro Jahr, da wäre doch die Hälfte der Staatseinahmen für 5 Jahre nur dafür aufzuwenden?  Um eine Antwort sichtlich verlegen, sagte er, dass ja vieles davon privat finanziert würde und man auch internationale Investoren suche. Ich stelle mir gerade vor, wie internationale Banken ein Hochschulgebäude in der mongolischen Steppe finanzierten um dann im Gegenzug mongolische BWLer zu erhalten. Spaß beiseite, aber hier fühlte ich mich schon fast wie in einem Märchenfilm. Die Wohnhäuser für Studenten und Angestellte würden natürlich von privaten mongolischen Investoren errichtet, die sie dann vermieten könnten. Auf die Frage, wie hoch denn für einen gewöhnlichen mongolischen Studenten die Miete sein sollte, meinte er, natürlich nicht sehr hoch, kramte in seinem Gedächtnis und sagte dann was von zum Beispiel hunderttausend Tugrig, also 60 USD.

Da aber die Quadratmeterpreise für neuen Wohnraum  in Ulaanbaatar bei fast 2000 USD liegen, könnte man dafür ja kaum 5 Quadratmeter vermieten, wenn man noch ein paar Cent Gewinn machen will. Er reagierte auf diese Bedenken ziemlich genervt. Da es aussichtslos erschien, vom Chef ein paar wirklich fundierte Zahlen zu bekommen, fragte ich aus Höflichkeit noch nach ein paar Details zur Infrastruktur, also Verkehrsanbindung, Energieversorgung, Abwasserentsorgung was aber noch mehr in Leere lief, denn er verwies immer nur auf noch durchzuführende Untersuchungen, was aber in Anbetracht des geplanten Baubeginnes im Jahr 2102 nun schon beste Münchhausengeschichten in den Schatten gestellt hätte.

Ich dachte nun, dass nach der Wahl diese Projektidee dorthin gewandert wäre, wo sie hingehört, in die Mülltonne der phantastischen Wahlversprechen. Dort wo nun auch die Hochgeschwindigkeitsbahn nach Darchan, die Hightechmetro im Jahr 2017 oder die zahllosen anderen Legenden gelandet sind, nein, ich muss erschreckt feststellen, dass auf einer Veranstaltung in Berlin in den vergangenen Tagen dieses Projekt sogar noch eine Schwester bekommen hat, die eigene Vorstadt für die Regierung. Ganz nach dem Motto, den Politikern und Regierungsbeamten ist Ulaanbaatar nicht mehr zuzumuten. Diese neuerliche Vision wurde, zusammen mit der Studentenstadt, in einer Veranstaltung vor deutschen Unternehmern durch eine Delegation unter Führung des Oberbürgermeisters von Ulaanbaatar präsentiert. Machen wir es doch einfach umgedreht, wenn diese Leute UB nicht mehr ertragen wollen, dann kann doch besser die ganze Regierung auswandern. Eine Regierung sucht sich ein neues Land, indem es keine Jurtensiedlungen, kein Verkehrschaos, keine Luftverschmutzung und nur billige aber dennoch nicht arme Untertanen gibt. Für die Mongolei wäre es vielleicht die beste Lösung.

Wahlkampf in der Mongolei

Juni 21st, 2012

wahlkampf-500.JPG

Innerhalb eines Tages an die Wohnungstür gebracht

Am 28. Juni wird in der Mongolei ein neues Parlament gewählt. ich möchte mich hier nicht zu der einen oder anderen poltischen Partei bekennen oder über den Ausgang spekulieren, ich möchte einfach meine Eindrücke schildern, die ein paar Tage mongolischer Wahlkampf hinterlassen. Man kann dem Geschehen auch nicht entgehen, denn der Wahlkampf wird omnipräsent, aufdringlich, und extrem verschwenderisch geführt. Wenn es sich in Deutschland die Spitzenkandidaten der Parteien leisten mit einem plakatierten Bus durch die Lande zu ziehen, hier hat jeder Parlamentskandidat und das sind immerhin um die 600 einen Bus oder Zumindest einen Kleinbus, der für ihn die Straßen auf- und abfährt. Jeder Kandidat hat einen eigene Wahlbroschüre in der er seine ganz persönlichen Versprechungen macht. Da wären wir auch schon bei den Inhalten, es geht da weniger um abgestimmte Parteiprogramme sondern um oftmals selbst ersonnene Versprechungen. Da verheißt der Kandidat A einer Partei, den Bau einer Metro bis 2015 und Kandidat B der gleichen Partei will eine Hochgeschwindigkeistbahn zwischen Uaanbaatar und Darchan bauen lassen. Abgesehen davon, dass beide Beispiele ins Reich der Märchen gehören, sieht man daran, wie eng man sich wohl mit der Parteiführung abgestimmt hat.
Das Fernsehgerät kann man in diesen Tagen komplett auslassen, denn die koreanischen Seifenopern werden nur noch von Wahlsendungen unterbrochen. Das Geschäft des Jahrzehntes für die Sender, denn jede Minute, ob simple Wahlwerbung oder gesponserte „Fachbeiträge“ der Kandidaten, alles wird bar bezahlt. Hier wären wir auch gleich beim Geld. Jeder Direktkandidat bezahlt, alles selbst, die Prospekte, den Bus, die Helfer, die Plakate, die Wächter, die die Plakate bewachen müssen, die Konkurrenz schläft ja nicht und natürlich die TV Sendungen.
Da kommen ganz locker mal fünfzig- bis einhunderttausend USD Dollar zusammen, für einen Hintlerbänkler, die großen gehen auf Nummersicher und legen so auch mal eine Viertelmillion hin. So richtig was kostenlassen hat sich der Bürgermeister der Hauptstadt die Sache, ein Hochglanzheft vom Feinsten stellt ihn als eine edlen Recken dar. Die Frage ist nur, warum gibt jemand eine halbe Million aus, um sich einen Job zu sichern, der dann 500 ! Euro im Monat einbringt. Ein Schelm wer Arges dabei denkt. Aber trotz eines so kläglichen Saläres, wird man in der Mongolei als Minister, die verdienen auch kaum mehr oder Hauptstadtbürgermeister innerhalb nur weniger Amtsjahre wie durch ein Wunder zu einem vermögenden Millionär.
Ja, Politik ist in Ulaanbaatar ein riesen Geschäft, aber alle vier Jahre wird der Wahlkampf zu einem noch größeren, bei dem holen sich Einige von dem etwas zurück, Druckereien, Wahlkampfhelfer, Fernsehjournalisten bis hin zu den Kleinkrimminellen, die nachts im Auftrag der Anderen die überdimensionalen Plakate wieder runterholen.

Staatsbesuch

März 31st, 2012

elbegdorj-515.jpg

Derzeit weilt der mongolische Präsident Elbegdorj in Deutschland zum Staatsbesuch. Vorausgegangen war dem ja der Besuch der deutschen Kanzlerin im Oktober 2011 in der Mongolei. 

Schwerpunkt des Besuches sollen nach offiziellen Angaben Themen der Rohstoffpartnerschaft sein, hierzu wurde ja im schon ein Abkommen unterzeichnet, aber auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit soll in Schwung gebracht werden.

Das Abkommen zur Rohstoffpartnerschaft ist ja hauptsächlich eine Willenserklärung auf Regierungsebene, relativ unkonkret und für die deutsche Politik Neuland.

Als konkretes Beispiel für die wirtschaftliche Zusammenarbeit wird dabei immer die geplante Anlage zur Kohleverflüssigung genannt. Dazu reist der Präsident auch zu Thyssen Krupp um dort einen Vertrag zu unterzeichnen. Auf eine Frage in der Pressekonferenz hin, hatte die Kanzlerin klar gestellt, dass Thyssen Krupp hier ausschließlich auf privatwirtschaftlicher Basis als Unternehmen handelt und die Bundesregierung, was auch nicht anders zu erwarten war, nicht an dem Projekt beteiligt ist.

Unklar ist aber, wie die mongolische Seite mit dem Projekt umgeht, wenn Elbegdorj zur Vertragsunterzeichnung reist, kann das ja nur bedeuten, dass der mongolische Staat Partner von Thyssen Krupp wird? Man kann auch kaum davon ausgehen, dass Thyssen Krupp die Anlage betreiben möchte, es bleibt also die Konstellation, dass Thyssen Krupp die Anlage errichtet und der mongolische Staat Eigentümer wird. Ein Staatsbetrieb in der Größenordnung hätte aber der Mongolei noch gefehlt. Mongolische Staatsbetriebe sind allesamt Versorgungsinstitute für Angehörige von Politikern. Da werden bestbezahlte Posten und viele Privilegien an Leute vergeben, die da eigentlich überhaupt nicht hingehören. Das Problem dürfte sich noch extrem verschärfen, wenn man das Risiko des Projektes betrachtet. Sicherlich ist die Kohleverflüssigung für die Mongolei ein sinnvolles Vorhaben, wenn es wirtschaftlich ist, aber genau da liegt der Hase im Pfeffer. Keiner der Beteiligten, auch Thyssen Krupp nicht, kann sicher sein, ob die Anlage wirklich die gedachten Parameter errechen wird. Es gibt einfach keine Beispiele. Die Technologie wurde lediglich in Südafrika als Notlösung angewendet, es wurden schon lange keine neuen Anlagen errichtet und keiner kann sicher die Kosten des Verfahrens einschätzen und welchen Einfluss die speziellen Bedingungen in der Mongolei, ich denke nur an 5 Monate Winter mit bis zu minus 40 Grad, haben werden, ist allemal theoretisch abschätzbar.

Wenn es nun ein Staatsbetrieb wird, dann kann nur Thyssen Krupp gewinnen, für die wäre es sozusagen ein gut bezahlter Feldversuch für eine neue Technologie, für den mongolischen Steuerzahler wird es im besten Fall eine Nullbuchung, im schlimmsten Fall eine echte Belastung. Nullnummer deshalb, weil ein Staatsbetrieb in der Mongolei vermutlich kaum Gewinne machen wird, dafür wird man schon sorgen und eine Belastung dann, wenn der Betrieb Verluste schreibt.

Wie also soll der Vertrag aussehen, der in diesen Tagen unterschrieben wird? Oder haben die bauernschlauen Regierungspolitiker in der Mongolei schon einen Plan B im Hinterkopf. In der Art, dass der Staat das Projekt finanziert und dann später wenn es läuft privatisiert? Auf die Art sind ja ganze Landstriche an ausländische Bergbaufirmen verkauft worden. Man hat die staatlichen Archive auf Explorationsberichte durchforstet, die juristischen Voraussetzungen geschaffen, dass man dann als Privatmann die Rechte an den Grundstücken billig erweben konnte, sich die Abbaurechte günstig dazu besorgt und dann nach ein paar Jahren Explorationsberichte, Grundstücke und Lizenzen als fettes Paket für sehr viel Geld wiederverkauft.   

Warum also unterzeichnet der mongolische Staat, bzw. der Präsident einen Vertrag für dieses Projekt? Es ist nicht unüblich, dass bei Staatsbesuchen bedeutende wirtschaftliche Verträge abgeschlossen werden, aber da stehen in der Regel die Politiker nur dabei und sonnen sich in der Rolle des Vermittlers, maximal schließt man noch mit Regierungen von ehemaligen Sowjetrepubliken wie Usbekistan oder  Turkmenien wirtschaftliche Verträge. Dort gehören große Firmen formal dem Staat, werden aber von den Herrscherclans nach Gutdünken privat ausgebeutet werden. Die Mongolei ist eine parlamentarische Demokratie und es sollte eigentlich eine strikte Trennung zwischen privatem und staatlichem Eigentum gelten.

Man sollte also in der Mongolei aufmerksam verfolgen, was da bei Thyssen für ein Vertrag unterzeichnet wird. 

                        

Das Luxusproblem von Ulaanbaatar

Februar 29th, 2012

sansar-510.jpg

Überteuerte Wohnanlagen haben Hochkonjunktur

Ulaanbaatar hat ein sich schnell entwickelndes Luxusproblem. Die doch erstaunlich breite Oberschicht gönnt sich Einiges. Zunächst waren da die nicht wenigen nagelneuen Geländewagen und SUV im Straßenbild. Am meisten fallen da natürlich die bald tausend Hummer Jeep der Stadt auf, aber die Mehrzahl Lexus mit Top Ausstattung sind oft teurer als die amerikanischen Monster Gefährte. Sinnvoll ist natürlich keines der Geländefahrzeuge, egal ob Hummer, Lexus, Cayenne oder Touareg denn 95 Prozent aller Kilometer legen die Besitzer im Stau der Großstadt zurück. Nach den Autos kamen die Eigentumswohnungen mit völlig überzogenen Grundrissen und heute sind es die Häuser in Luxuswohnlagen. Dazwischen gibt es natürlich noch all die Dinge, für die man eine Menge Geld ausgeben kann, man aber mehr oder weniger nur einen Namen dafür bekommt. Schuhe für 500 Dollar, Uhren für ein paar Tausend oder ein Porzellangedeck für ein deutsches Monatsgehalt.

Eines haben alle diese Produkte gemeinsam, keines davon wird in der Mongolei hergestellt und das Geld dafür fließt auf immer und ewig außer Landes. Zudem tragen diese Dinge dazu bei, dass sich die Oberschicht unglaublich weit von dem Rest der Bevölkerung entfernt.

1990 zur Wende gab es in dem Lande mit Sicherheit so gut wie keinen Mongolen, der mehr als zehntausend Dollar sein eigen nennen konnte, heute haben manche ihr Vermögen auf zehn, zwanzig oder gar einhundert Millionen Dollar vermehrt. Das geschah und geschieht, zumindest bei den ganz großen Vermögen, natürlich oft auf recht eigentümliche Art und Weise, durch Korruption, Betrügereien oder im günstigsten Fall durch rücksichtslose Geschäftspraktiken. Sei es wie es sei, dass Geld ist nun mal da und hier zeigt sich, dass recht schnell und auch oft ziemlich simpel verdientes Geld auch genauso schnell und für simplen Kram wieder rausgeworfen wird.

Da mag das Luxus Auto ja noch einen gewissen Gegenwert darstellen, ein völlig überteuertes und schlampig zusammen geschustertes Haus in einer Wohnanlage hat den schon nicht mehr. Vierhunderttausend Dollar für 130 Quadratmeter Wohnfläche klingen zwar als unter Umständen noch vermittelbar, wenn da aber alle handwerklichen und bautechnischen Regeln des Wärmeschutzes ignoriert werden und der Eigentümer dann 700 Dollar im Monat für Strom hinlegen muss, damit die elektrische Fußbodenheizung die Hütte warm bekommt und die Abwasserrohre in der Garage nicht Wegfrieren, dann ist das einfach Geldverbrennung. Dazu kommen natürlich noch die rund 200 Dollar monatlich für den Wachdienst, das Mähen des kärglichen mongolischen Rasens in der Anlage und die Nutzung des Kunstrasenbolzplatzes.     

Das Luxusproblem, oder das Problem mit den Luxusbürgern der Stadt geht bis in die letzten Bereiche. So hat man im Skigebiet wohl festgestellt, dass nach anfänglichem Interesse die Gutbetuchten im Ressort immer rarer wurden, der Grund, man musste die sich die Umkleidegelegenheit mit den Normalbürgern teilen, den Cappuccino oder das Bier gegebenenfalls in Nachbarschaft mit Viehzüchtern genießen, die auch mal zum Schauen da waren. Heute hat man das Problem geklärt, es gibt ein VIP Haus, mit Ledersesseln, Dusche, Bedienung und völlig frei von Normalverdienern. Abgesehen davon, dass dort die gähnende Langeweile angesagt ist, stellt die VIP Betreuung vermutlich nicht mal einen betriebswirtschaftlichen Nutzen sicher, man denkt aber, dass man das dieser Klientel schuldig ist.

Ähnlich wie im neuen Naran-Einkaufszentrum auf der Seoul Straße, Devise der Betreiber, kein Platz für No-Name oder gar China Ware, Branding als Schlagwort. Jedes Stück ein Markenprodukt und so liegen dort die Dinge, die eigentlich keiner wirklich braucht, zumindest nicht für den Preis, bunte Bettbezüge für 600 Dollar oder Weine für hundert. Natürlich alles Importwaren und die Oberschicht der Stadt sorgt mit Fleiß dafür, dass möglichst viel des Geldes in weit entfernte Länder transferiert wird, es bei vielen anderen in der Mongolei aber immer recht knapp bleibt.               

         

Wintersport in UB

Februar 15th, 2012

sky.jpg

Am Morgen ist man fast allein im Resort

Die Winter in UB sind heute lange nicht mehr so langweilig, wie noch vor Jahren. Wenn von Mitte November bis Anfang April der Dauerfrost die Stadt im Griff hat kann man zumindest als Skifahrer die Freizeit nutzen. Der Kunstschnee im Sky Resort am Bogd Uul macht es möglich. Ohne den geht aber hier garnichts, bei gerade mal fünf Zentimeter leichtem Polarschnee könnte man nicht mal die Langlaufbretter sinnvoll einsetzen, geschweige denn den Abfahrtsski benutzen. Anderseits sind die Kunstschneepisten am Bogd Uul jedem Naturschnee überlegen, ein standfester schneller Belag, der auch am Nachmittag noch beste Bedingungen bietet. Solange die Sonne scheint und kein Wind um die Berge streicht machen auch die Temperaturen um zwischen minus zehn und minus fünfundzwanzig Grad keine allzu großen Probleme. Für das Überstehen der Liftfahrt hat sich so jeder seine eigenen Tricks einfallen lassen, ein kleines Kissen zum Mitnehmen, ein Fell in die Hose gestopft, Fantasie ist auf alle Fälle gefragt. Volle Pisten braucht man hier selbst am Wochenende nicht zu befürchten, unter der Woche geht es sogar familiär zu, kaum mehr als vierzig oder fünfzig Skiläufer auf fünf Pisten. Möglicherweise sind da kaum mehr als die Stromkosten für den Lift gedeckt, aber dafür hat man ja volle fünf Monate Liftzeiten und abgesehen von ein paar ganz kalten Tagen ist nahezu jeden Tag Sonnnenschein garantiert. Nebel, Wolken oder Schneefall, der die Pisten fast unsichtbar macht ist hier unbekannt. An den Wochenenden kommen zu den Skifahrrern noch die Rodelfreunde. Man lässt sich auf dem Förderband knapp 100 Meter auf der speziellen Rodelbahn hochbefördern und kann dann in so einer Plastikschüssel wieder runterschlittern, das Vergnügen kostet natürlich auch Geld und sorgt für eine ganze Menge zusätzlicher Gäste die dann hauptsächlich im Restaurant für Umsatz sorgen.

Für Langläufer hat man etwa einen Kilometer Loipe gelegt, allerdings macht sich hier der Kunstschnee nicht so gut.

Alles in Allem ist das Sky Resort wirklich ein Gewinn für UB und es bleibt zu hoffen, dass man die Sache noch erweitert, Platz nach oben ist genug, allerdings haben wohl die Grünen schon im Vorfeld Proteste angmeldet, sollte man weiter in den Wald gehen. Es wäre aber sehr Schade, wenn man wegen dreißig oder vierzig Lärchen keine Perspektive für die Pistenentwicklung hätte, zumal heute ganze Täler am Bogd Uul für Villenanlagen verbaut werden. Man kann den Investoren eigentlich nur wünschen, daß es eine gute Saison wird und das denen die Puste nicht ausgeht.

Die Provinzstädte der Mongolei

Dezember 24th, 2011

erdenet-510.jpg

Erdenet – Winter in der Provinz

Im letzten Beitrag hatte ich erklärt, dass es vor allem auch Ziel dieses Forum sei, die moderne, urbane Gesellschaft der Mongolei zu thematisieren, über das Leben der Viehzüchter wird ja ziemlich viel geschrieben und jeder hat da so seine Vorstellungen.

Wenn man das urbane Leben in der Mongolei beleuchtet, dann darf man sich aber nicht auf Ulaanbaatar beschränken, es gibt ja noch die Provinz oder Aimakstädte und über die weis man hierzulande fast gar nichts. Die Provinzstädte sind aber das eigentliche Bindeglied zwischen den Viehzüchtern in der Steppe und der Hauptstadt und es leben etwa eine dreiviertel Millionen Menschen in solchen Siedlungen. Eigentlich sollten diese Städte den wesentlichen Teil der Landflucht abfangen der heute direkt vom Lande in die Hauptstadt stattfindet. Die Bedeutung dieser Städte sollte auf alle Fälle gestärkt werden, dass wäre auf alle Fälle auch von Nutzen für die Hauptstadt, aber wie sieht es bisher in der Realität aus? Eher düster, wenn man sich mal so ein normales Aimakzentrum anschaut. In der Regel wohnen dort zwischen 20 und 40 Tausend Einwohner, aber die Infrastruktur reicht hinten und vorne nicht aus, so dass die Mehrheit der Bevölkerung in Jurten Siedlungen lebt. Hier fallen die Defizite zwar nicht so krass ins Auge wie in Ulaanbaatar, aber praktisch sind die nicht anders als in der Hauptstadt, hier akzeptiert man jedoch fehlende Wasserversorgung und unbefestigte Straßen eher als in der Millionenstadt. Unter den Provinzstädten gibt es zwei bis drei, die was ihre Größe und Urbanität betrifft deutlich herausfallen, das sind Erdenet, Darchan und vielleicht noch Tschoibalsan, den Rest kann man wohl in schlafende, von weitgehender Stagnation erfasste Siedlungen und sich entwickelnde Zentren unterteilen.

Was die drei großen betrifft, so hat man dort schon das Gefühl in einer Stadt im westlichen Sinne zu sein. Um die 100 000 Einwohner, ein Großteil davon wohnt in  Plattenbauten und ein wenig Industrie, dazu auch ein befestigtes Straßennetz und ordentliche Einkaufsmöglichkeiten. Am besten entwickelt ist das alles in Erdenet. Auf der etwa einen Kilometer langen Hauptstraße gibt es ein paar Hochhäuser, zwei richtige Warenhäuser und ein paar Restaurants, die auch ein Europäer freiwillig besuchen würde. Die Stadt ist eine Neugründung und verdankt ihre Entstehung der mongolisch-russischen Kupfermine. Der Bahnanschluss nach Ulaanbaatar ist akzeptabel und die Straße bis dorthin auch wenigstens in Asphalt.

In Darchan sieht es ähnlich aus, allerdings ist dort die Kaufkraft lange nicht so hoch wie bei den Minenangestellten von Erdenet, eine Industriestadt ist es aber dennoch und nicht so sehr in Abhängigkeit von dem einen Arbeitgeber wie Erdenet. In Tschoibalsan spielt die Industrie nur eine untergeordnete Rolle, demzufolge ist die Perspektive auch nicht so rosig.

Was die Zukunftsaussichten betrifft stehen einige von den übrigen Aimakzentren sogar besser da als die drei Großen. Dalanzadgad zum Beispiel hat drei Chancen einer positiven Entwicklung, das sind der Tourismus, das Kaschmire Geschäft und der Bergbau. Es sieht zwar heute noch nicht so toll aus im Ort, aber die Einwohnerzahl hat sich in 10 Jahren mehr als verdoppelt, es wird Geld verdient und man ist nahe dran an Oyu Tolgoi und Tawan Tolgoi. Es gibt heute schon ein kleines aber modernes Einkaufszentrum, man baut Eigentumswohnungen, ein sicheres Zeichen für kleinen Wohlstand und am Airport ist für mongolische Provinz Verhältnisse richtig Betrieb. Ein weiterer wirtschaftlicher Aufsteiger könnte Sainschand werden. Hier ist ein größerer Industriekomplex geplant. Mit seiner Lage an der Eisenbahn und in der Nähe der großen Kohlelagerstätten in der Gobi, keine schlechten Voraussetzungen.

Von der Bevölkerungszahl her entwickelt sich auch Murun ziemlich schnell nach oben, allerdings fehlt hier der große wirtschaftliche Initiator. Der Ort hat schon fast 50 000 Einwohner und eine wirklich schöne Umgebung, das Klima passt auch ganz gut und die Bevölkerung hier im Norden ist recht bodenständig und lebt schon länger in Siedlungen. Die wirtschaftliche Basis könnten hier eher Handwerk und kleine Betriebe bilden, also vielleicht die Schwaben der Mongolei. Hier hat man auch schon immer ein wenig mehr Wert auf das Ortsbild gelegt, als in den Wüstensiedlungen, viel gebracht hat es natürlich auch nicht, denn wie überall in der mongolischen Provinz fehlt den staatlichen Institutionen das Geld für Investitionen oder auch nur für die Sanierung der Erbschaften des Sozialismus. Ohne die sehe es in den Aimakstädten noch anders aus, denn nur bis 1990 wurden überhaupt größere Gebäude errichtet, dann passierte erstmal 15 Jahre überhaupt nichts.

Da diese Zentren alle etwa zur gleichen Zeit, in den 1970 er Jahren und mit ähnlicher Ausstattung errichtet wurden, sieht es auch immer fast gleich aus. Lediglich bei den wenigen in den letzten Jahren entstandenen Gebäuden gibt es eine gewisse Eigenständigkeit zu Erkennen. Das ist auch sicher einer der Gründe, warum sich kaum jemand mit seiner Provinzstadt identifiziert, oder gar stolz ist, das wiederum wäre aber wichtig, um die Leute wenigstens vor Ort zu halten. Manche Randgebiete eines Aimakzentrums sehen auch wirklich eher aus wie ein Notaufnahmelager nach einem Katastrophenereignis oder bestenfalls ein Feldlager. Während heute der Abstand zwischen einer deutschen Großstadt und Ulaanbaatar mehr und mehr schwindet, sind Vergleiche einer deutschen Kleinstadt mit einem mongolischen Provinzzentrum geradezu abstrus. Was in diesen Städten natürlich auch fast völlig fehlt sind Leute mit Kaufkraft, man kann sicher davon ausgehen, dass 99 Prozent der so genannten oberen Zehntausend der Mongolei in Ulaanbaatar leben, ein paar gibt es noch in Erdenet, aber der wohlhabendste Bürger von Mandalgobi dürfte in UB wohl kaum in einem Mittelstandsclub Aufnahme finden.                                                    

Zum Blog in eigener Sache

Dezember 3rd, 2011

Mal was in eigener Sache zu unserem Blog. Damit das ganze richtig lebendig wird ist es natürlich schön, wenn zu den einzelnen Beiträgen auch ein paar Meinungen oder Ergänzungen ins Spiel kommen. Nutzt also bitte die Möglichkeit, nicht nur zu lesen, sondern auch selbst kleine Beiträge zu den Themen zu verfassen. Es ist natürlich auch wichtig, dass möglichst viele Leser den Blog regelmäßig besuchen, dann entwickelt sich einfach auch mehr Diskussion, also den Link zum Blog weitergeben und wenn die Resonanz deutlich ist, dann werden auch häufiger neue Themen eingestellt.

Wir haben mit dem Blog eine gute Möglichkeit vielen Deutschen etwas über die Mongolei mitzuteilen, was über das übliche, – Nomade, Jurte, Dschingis Khan Enkel – Klischee hinausgeht.   

Wir wollen vor allem auch über die moderne Mongolei berichten, über Perspektiven, über das was in Ulaanbaatar passiert und das diese Stadt nicht unbedingt der hässlichste Ort der Welt ist, wie heute noch viele Mongoleireisende am Rande ihrer romantischen Berichte vom Steppenleben glauben mitteilen zu müssen. 

 

Legenden um das mongolische Nomadenleben

Dezember 1st, 2011

 nomaden-510.jpg

Jurte in den Hochlagen des Changai

Um den mongolischen Nomaden und seine Lebensweise ranken sich in Europa zahlreiche Legenden und man pflegt auch beharrlich Mythen. Selbst Journalisten schreiben nicht selten, eben erst bei dem Kanzlerinnenbesuch konnte man das beobachten, Dinge, die aus ihrer Vorstellung entspringen, aber weniger der Recherche oder gar eigener Anschauung.

Allen voran steht die Vorstellung der umherziehenden, nichtsesshaften Sippe, die heute hier, morgen da ihre Jurte aufschlägt. Die Realität sieht deutlich anders aus. Jeder Viehzüchter in der Mongolei hat bestimmte Weidegebiete, die er nutzen darf. Je nach Vegetation sind diese Weidegründe, in denen er sein Vieh weidet größer oder kleinräumiger. Im Norden, bei genügend Grün und Zugang zu Wasser kann es sein, dass die Herde wochenlang an der gleichen Stelle genügend Futter findet, dann bleibt natürlich auch die Jurte dort stehen. Was man aber immer antrifft, ist ein spezieller geschützter Lagerplatz für den Winter und ein Sommerlager. Was dazwischen passiert ist sehr unterschiedlich, in trockenen Regionen können das 5 bis 10 unterschiedliche Standorte sein, wenns günstiger ist auch nur einer oder zwei. Auch ist der Aktionsradius recht unterschiedlich, von drei, vier Kilometern bis vielleicht 50, aber immer wird der Viehzüchter die Orte aufsuchen, wo er schon immer seine Jurte aufgebaut hat. Ein Viehzüchter in der Gebirgswaldsteppe des Changai oder im Norden des Landes wird also kaum größere Wanderungen unternehmen, sein Standort ist auch ziemlich genau bekannt, die Verwaltung und auch die Nachbarn wissen natürlich wo er ist, er hat auch sozusagen eine amtliche Adresse, natürlich nicht mit Straßennamen und Hausnummer, aber der Kreis und die Gegend wo er lebt sind bekannt. Er ist dort registriert, hat einen Pass und alle Rechte und Pflichten wie ein Bürger in der Hauptstadt. Ich habe Familien getroffen, die wohnten im Sommer am Seeufer und als ich nach dem Winterlager fragte, zeigten sie auf eine Holzhütte am nahen Bergfuß, hier waren sie geboren und hier würden sie vermutlich auch bis zum Lebensende bleiben. Die meisten Deutschen sind mehr Nomade als diese Leute.

Eine weitere Legende sind die Großfamilien oder gar Clans, die in den Köpfen der Menschen hierzulande die Steppe bevölkern. Ein Ail, also die kleinste Einheit der Viehzüchter kann aus einer manchmal zwei oder drei, aber kaum mehr Jurten bestehen. Es sind in der Regel, die Eltern mit den kleineren Kindern, eventuell noch die Großeltern, die da zusammenwohnen. Sollten sich mehr als zwei Jurten zusammenfinden ist oft eher eine fremde Familie dabei, als direkte Verwandte. Auch wenn eine Viehzüchterin fünf oder sechs Kinder hat, es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass die dann, einmal erwachsen, auch alle zusammen wohnen. Es gibt auch keinen sonderlich festen Zusammenhalt innerhalb der Verwandtschaft, insbesondere keine wirtschaftlichen Verknüpfungen, jeder macht eigentlich sein Ding. Das merkt man dann auch deutlich in der Stadtbevölkerung, ist jemand zu Vermögen gekommen und hat eine Firma oder sonst wie Macht und Einfluss, dann wird er sich eher einen verlässlichen Geschäftspartner suchen, als beispielweise die Geschwister oder gar noch entferntere Verwandte mit ins Boot zu nehmen.                

Die wohl unwahrste Vorstellung ist die von einem mächtigen männlichen Familienoberhaupt, der die Geschicke in der Jurte bestimmt. Die Frauen haben in der Jurte eindeutig das Sagen. Sie verwalten das Geld und Treffen die wichtigen Entscheidungen. Dem Gast wird in der Jurte zwar eine Vorstellung geboten, bei der die Frau den Mann bedient und der Anschein erweckt wird es handelte sich um eine absolute Autorität, aber das kann man getrost als Inszenierung betrachten, der Mann hat seine Freiheiten und kleine Privilegien, aber zu sagen hat er eigentlich nicht viel.       

Der mongolische Viehzüchter ist auch kein zivilisationsverachtender Weltfremdling. Nahezu alle Viehzüchter haben in ihrer Kindheit mal eine Schule in einer Siedlung besucht, oft dann auch in einem Internat gelebt. Sie sehen für ihr Leben gern TV, sofern der Empfang das hergibt und träumen alle davon ein Auto zu besitzen, zumindest die Männer. Sehr selten ist es auch der in der westlichen Vorstellung lebende Naturmensch, dem der Einklang mit derselben über alles geht. Er versucht natürlich traditionell die Ressourcen so nutzen, dass er sich nicht selbst die Existenz abgräbt, aber das wars oft auch schon. Der Müll fliegt in die Landschaft, Hauptsache man stolpert nicht selbst drüber, wenn Kaschmirwolle hoch im Kurs steht, dann werden eben wider besseren Wissens Ziegen statt Schafe gehalten und wenn ein paar Bäume in der Nähe sind, dann kommen die in den Ofen anstatt traditionell der Dung, das macht schneller warm und ist einfacher zu sammeln.

Nun haben meine Ausführungen vielleicht den einen oder anderen der bald mal in die Mongolei fahren wollte desillusioniert, aber es ist trotzdem interessant mal in einer Jurte vorbeizuschauen und mit den Leuten reden, gerade weil sie eben doch so unexotisch sind.  Man trifft in der Regel ganz coole Leute, die es schaffen unter extremsten Bedingungen zu leben, bei denen jeder deutsche Aussteiger nach ein paar Tagen alles hinschmeißen würde.