Wahlkampf in der Mongolei

Juni 21st, 2012

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Innerhalb eines Tages an die Wohnungstür gebracht

Am 28. Juni wird in der Mongolei ein neues Parlament gewählt. ich möchte mich hier nicht zu der einen oder anderen poltischen Partei bekennen oder über den Ausgang spekulieren, ich möchte einfach meine Eindrücke schildern, die ein paar Tage mongolischer Wahlkampf hinterlassen. Man kann dem Geschehen auch nicht entgehen, denn der Wahlkampf wird omnipräsent, aufdringlich, und extrem verschwenderisch geführt. Wenn es sich in Deutschland die Spitzenkandidaten der Parteien leisten mit einem plakatierten Bus durch die Lande zu ziehen, hier hat jeder Parlamentskandidat und das sind immerhin um die 600 einen Bus oder Zumindest einen Kleinbus, der für ihn die Straßen auf- und abfährt. Jeder Kandidat hat einen eigene Wahlbroschüre in der er seine ganz persönlichen Versprechungen macht. Da wären wir auch schon bei den Inhalten, es geht da weniger um abgestimmte Parteiprogramme sondern um oftmals selbst ersonnene Versprechungen. Da verheißt der Kandidat A einer Partei, den Bau einer Metro bis 2015 und Kandidat B der gleichen Partei will eine Hochgeschwindigkeistbahn zwischen Uaanbaatar und Darchan bauen lassen. Abgesehen davon, dass beide Beispiele ins Reich der Märchen gehören, sieht man daran, wie eng man sich wohl mit der Parteiführung abgestimmt hat.
Das Fernsehgerät kann man in diesen Tagen komplett auslassen, denn die koreanischen Seifenopern werden nur noch von Wahlsendungen unterbrochen. Das Geschäft des Jahrzehntes für die Sender, denn jede Minute, ob simple Wahlwerbung oder gesponserte „Fachbeiträge“ der Kandidaten, alles wird bar bezahlt. Hier wären wir auch gleich beim Geld. Jeder Direktkandidat bezahlt, alles selbst, die Prospekte, den Bus, die Helfer, die Plakate, die Wächter, die die Plakate bewachen müssen, die Konkurrenz schläft ja nicht und natürlich die TV Sendungen.
Da kommen ganz locker mal fünfzig- bis einhunderttausend USD Dollar zusammen, für einen Hintlerbänkler, die großen gehen auf Nummersicher und legen so auch mal eine Viertelmillion hin. So richtig was kostenlassen hat sich der Bürgermeister der Hauptstadt die Sache, ein Hochglanzheft vom Feinsten stellt ihn als eine edlen Recken dar. Die Frage ist nur, warum gibt jemand eine halbe Million aus, um sich einen Job zu sichern, der dann 500 ! Euro im Monat einbringt. Ein Schelm wer Arges dabei denkt. Aber trotz eines so kläglichen Saläres, wird man in der Mongolei als Minister, die verdienen auch kaum mehr oder Hauptstadtbürgermeister innerhalb nur weniger Amtsjahre wie durch ein Wunder zu einem vermögenden Millionär.
Ja, Politik ist in Ulaanbaatar ein riesen Geschäft, aber alle vier Jahre wird der Wahlkampf zu einem noch größeren, bei dem holen sich Einige von dem etwas zurück, Druckereien, Wahlkampfhelfer, Fernsehjournalisten bis hin zu den Kleinkrimminellen, die nachts im Auftrag der Anderen die überdimensionalen Plakate wieder runterholen.

Staatsbesuch

März 31st, 2012

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Derzeit weilt der mongolische Präsident Elbegdorj in Deutschland zum Staatsbesuch. Vorausgegangen war dem ja der Besuch der deutschen Kanzlerin im Oktober 2011 in der Mongolei. 

Schwerpunkt des Besuches sollen nach offiziellen Angaben Themen der Rohstoffpartnerschaft sein, hierzu wurde ja im schon ein Abkommen unterzeichnet, aber auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit soll in Schwung gebracht werden.

Das Abkommen zur Rohstoffpartnerschaft ist ja hauptsächlich eine Willenserklärung auf Regierungsebene, relativ unkonkret und für die deutsche Politik Neuland.

Als konkretes Beispiel für die wirtschaftliche Zusammenarbeit wird dabei immer die geplante Anlage zur Kohleverflüssigung genannt. Dazu reist der Präsident auch zu Thyssen Krupp um dort einen Vertrag zu unterzeichnen. Auf eine Frage in der Pressekonferenz hin, hatte die Kanzlerin klar gestellt, dass Thyssen Krupp hier ausschließlich auf privatwirtschaftlicher Basis als Unternehmen handelt und die Bundesregierung, was auch nicht anders zu erwarten war, nicht an dem Projekt beteiligt ist.

Unklar ist aber, wie die mongolische Seite mit dem Projekt umgeht, wenn Elbegdorj zur Vertragsunterzeichnung reist, kann das ja nur bedeuten, dass der mongolische Staat Partner von Thyssen Krupp wird? Man kann auch kaum davon ausgehen, dass Thyssen Krupp die Anlage betreiben möchte, es bleibt also die Konstellation, dass Thyssen Krupp die Anlage errichtet und der mongolische Staat Eigentümer wird. Ein Staatsbetrieb in der Größenordnung hätte aber der Mongolei noch gefehlt. Mongolische Staatsbetriebe sind allesamt Versorgungsinstitute für Angehörige von Politikern. Da werden bestbezahlte Posten und viele Privilegien an Leute vergeben, die da eigentlich überhaupt nicht hingehören. Das Problem dürfte sich noch extrem verschärfen, wenn man das Risiko des Projektes betrachtet. Sicherlich ist die Kohleverflüssigung für die Mongolei ein sinnvolles Vorhaben, wenn es wirtschaftlich ist, aber genau da liegt der Hase im Pfeffer. Keiner der Beteiligten, auch Thyssen Krupp nicht, kann sicher sein, ob die Anlage wirklich die gedachten Parameter errechen wird. Es gibt einfach keine Beispiele. Die Technologie wurde lediglich in Südafrika als Notlösung angewendet, es wurden schon lange keine neuen Anlagen errichtet und keiner kann sicher die Kosten des Verfahrens einschätzen und welchen Einfluss die speziellen Bedingungen in der Mongolei, ich denke nur an 5 Monate Winter mit bis zu minus 40 Grad, haben werden, ist allemal theoretisch abschätzbar.

Wenn es nun ein Staatsbetrieb wird, dann kann nur Thyssen Krupp gewinnen, für die wäre es sozusagen ein gut bezahlter Feldversuch für eine neue Technologie, für den mongolischen Steuerzahler wird es im besten Fall eine Nullbuchung, im schlimmsten Fall eine echte Belastung. Nullnummer deshalb, weil ein Staatsbetrieb in der Mongolei vermutlich kaum Gewinne machen wird, dafür wird man schon sorgen und eine Belastung dann, wenn der Betrieb Verluste schreibt.

Wie also soll der Vertrag aussehen, der in diesen Tagen unterschrieben wird? Oder haben die bauernschlauen Regierungspolitiker in der Mongolei schon einen Plan B im Hinterkopf. In der Art, dass der Staat das Projekt finanziert und dann später wenn es läuft privatisiert? Auf die Art sind ja ganze Landstriche an ausländische Bergbaufirmen verkauft worden. Man hat die staatlichen Archive auf Explorationsberichte durchforstet, die juristischen Voraussetzungen geschaffen, dass man dann als Privatmann die Rechte an den Grundstücken billig erweben konnte, sich die Abbaurechte günstig dazu besorgt und dann nach ein paar Jahren Explorationsberichte, Grundstücke und Lizenzen als fettes Paket für sehr viel Geld wiederverkauft.   

Warum also unterzeichnet der mongolische Staat, bzw. der Präsident einen Vertrag für dieses Projekt? Es ist nicht unüblich, dass bei Staatsbesuchen bedeutende wirtschaftliche Verträge abgeschlossen werden, aber da stehen in der Regel die Politiker nur dabei und sonnen sich in der Rolle des Vermittlers, maximal schließt man noch mit Regierungen von ehemaligen Sowjetrepubliken wie Usbekistan oder  Turkmenien wirtschaftliche Verträge. Dort gehören große Firmen formal dem Staat, werden aber von den Herrscherclans nach Gutdünken privat ausgebeutet werden. Die Mongolei ist eine parlamentarische Demokratie und es sollte eigentlich eine strikte Trennung zwischen privatem und staatlichem Eigentum gelten.

Man sollte also in der Mongolei aufmerksam verfolgen, was da bei Thyssen für ein Vertrag unterzeichnet wird. 

                        

Das Luxusproblem von Ulaanbaatar

Februar 29th, 2012

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Überteuerte Wohnanlagen haben Hochkonjunktur

Ulaanbaatar hat ein sich schnell entwickelndes Luxusproblem. Die doch erstaunlich breite Oberschicht gönnt sich Einiges. Zunächst waren da die nicht wenigen nagelneuen Geländewagen und SUV im Straßenbild. Am meisten fallen da natürlich die bald tausend Hummer Jeep der Stadt auf, aber die Mehrzahl Lexus mit Top Ausstattung sind oft teurer als die amerikanischen Monster Gefährte. Sinnvoll ist natürlich keines der Geländefahrzeuge, egal ob Hummer, Lexus, Cayenne oder Touareg denn 95 Prozent aller Kilometer legen die Besitzer im Stau der Großstadt zurück. Nach den Autos kamen die Eigentumswohnungen mit völlig überzogenen Grundrissen und heute sind es die Häuser in Luxuswohnlagen. Dazwischen gibt es natürlich noch all die Dinge, für die man eine Menge Geld ausgeben kann, man aber mehr oder weniger nur einen Namen dafür bekommt. Schuhe für 500 Dollar, Uhren für ein paar Tausend oder ein Porzellangedeck für ein deutsches Monatsgehalt.

Eines haben alle diese Produkte gemeinsam, keines davon wird in der Mongolei hergestellt und das Geld dafür fließt auf immer und ewig außer Landes. Zudem tragen diese Dinge dazu bei, dass sich die Oberschicht unglaublich weit von dem Rest der Bevölkerung entfernt.

1990 zur Wende gab es in dem Lande mit Sicherheit so gut wie keinen Mongolen, der mehr als zehntausend Dollar sein eigen nennen konnte, heute haben manche ihr Vermögen auf zehn, zwanzig oder gar einhundert Millionen Dollar vermehrt. Das geschah und geschieht, zumindest bei den ganz großen Vermögen, natürlich oft auf recht eigentümliche Art und Weise, durch Korruption, Betrügereien oder im günstigsten Fall durch rücksichtslose Geschäftspraktiken. Sei es wie es sei, dass Geld ist nun mal da und hier zeigt sich, dass recht schnell und auch oft ziemlich simpel verdientes Geld auch genauso schnell und für simplen Kram wieder rausgeworfen wird.

Da mag das Luxus Auto ja noch einen gewissen Gegenwert darstellen, ein völlig überteuertes und schlampig zusammen geschustertes Haus in einer Wohnanlage hat den schon nicht mehr. Vierhunderttausend Dollar für 130 Quadratmeter Wohnfläche klingen zwar als unter Umständen noch vermittelbar, wenn da aber alle handwerklichen und bautechnischen Regeln des Wärmeschutzes ignoriert werden und der Eigentümer dann 700 Dollar im Monat für Strom hinlegen muss, damit die elektrische Fußbodenheizung die Hütte warm bekommt und die Abwasserrohre in der Garage nicht Wegfrieren, dann ist das einfach Geldverbrennung. Dazu kommen natürlich noch die rund 200 Dollar monatlich für den Wachdienst, das Mähen des kärglichen mongolischen Rasens in der Anlage und die Nutzung des Kunstrasenbolzplatzes.     

Das Luxusproblem, oder das Problem mit den Luxusbürgern der Stadt geht bis in die letzten Bereiche. So hat man im Skigebiet wohl festgestellt, dass nach anfänglichem Interesse die Gutbetuchten im Ressort immer rarer wurden, der Grund, man musste die sich die Umkleidegelegenheit mit den Normalbürgern teilen, den Cappuccino oder das Bier gegebenenfalls in Nachbarschaft mit Viehzüchtern genießen, die auch mal zum Schauen da waren. Heute hat man das Problem geklärt, es gibt ein VIP Haus, mit Ledersesseln, Dusche, Bedienung und völlig frei von Normalverdienern. Abgesehen davon, dass dort die gähnende Langeweile angesagt ist, stellt die VIP Betreuung vermutlich nicht mal einen betriebswirtschaftlichen Nutzen sicher, man denkt aber, dass man das dieser Klientel schuldig ist.

Ähnlich wie im neuen Naran-Einkaufszentrum auf der Seoul Straße, Devise der Betreiber, kein Platz für No-Name oder gar China Ware, Branding als Schlagwort. Jedes Stück ein Markenprodukt und so liegen dort die Dinge, die eigentlich keiner wirklich braucht, zumindest nicht für den Preis, bunte Bettbezüge für 600 Dollar oder Weine für hundert. Natürlich alles Importwaren und die Oberschicht der Stadt sorgt mit Fleiß dafür, dass möglichst viel des Geldes in weit entfernte Länder transferiert wird, es bei vielen anderen in der Mongolei aber immer recht knapp bleibt.               

         

Wintersport in UB

Februar 15th, 2012

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Am Morgen ist man fast allein im Resort

Die Winter in UB sind heute lange nicht mehr so langweilig, wie noch vor Jahren. Wenn von Mitte November bis Anfang April der Dauerfrost die Stadt im Griff hat kann man zumindest als Skifahrer die Freizeit nutzen. Der Kunstschnee im Sky Resort am Bogd Uul macht es möglich. Ohne den geht aber hier garnichts, bei gerade mal fünf Zentimeter leichtem Polarschnee könnte man nicht mal die Langlaufbretter sinnvoll einsetzen, geschweige denn den Abfahrtsski benutzen. Anderseits sind die Kunstschneepisten am Bogd Uul jedem Naturschnee überlegen, ein standfester schneller Belag, der auch am Nachmittag noch beste Bedingungen bietet. Solange die Sonne scheint und kein Wind um die Berge streicht machen auch die Temperaturen um zwischen minus zehn und minus fünfundzwanzig Grad keine allzu großen Probleme. Für das Überstehen der Liftfahrt hat sich so jeder seine eigenen Tricks einfallen lassen, ein kleines Kissen zum Mitnehmen, ein Fell in die Hose gestopft, Fantasie ist auf alle Fälle gefragt. Volle Pisten braucht man hier selbst am Wochenende nicht zu befürchten, unter der Woche geht es sogar familiär zu, kaum mehr als vierzig oder fünfzig Skiläufer auf fünf Pisten. Möglicherweise sind da kaum mehr als die Stromkosten für den Lift gedeckt, aber dafür hat man ja volle fünf Monate Liftzeiten und abgesehen von ein paar ganz kalten Tagen ist nahezu jeden Tag Sonnnenschein garantiert. Nebel, Wolken oder Schneefall, der die Pisten fast unsichtbar macht ist hier unbekannt. An den Wochenenden kommen zu den Skifahrrern noch die Rodelfreunde. Man lässt sich auf dem Förderband knapp 100 Meter auf der speziellen Rodelbahn hochbefördern und kann dann in so einer Plastikschüssel wieder runterschlittern, das Vergnügen kostet natürlich auch Geld und sorgt für eine ganze Menge zusätzlicher Gäste die dann hauptsächlich im Restaurant für Umsatz sorgen.

Für Langläufer hat man etwa einen Kilometer Loipe gelegt, allerdings macht sich hier der Kunstschnee nicht so gut.

Alles in Allem ist das Sky Resort wirklich ein Gewinn für UB und es bleibt zu hoffen, dass man die Sache noch erweitert, Platz nach oben ist genug, allerdings haben wohl die Grünen schon im Vorfeld Proteste angmeldet, sollte man weiter in den Wald gehen. Es wäre aber sehr Schade, wenn man wegen dreißig oder vierzig Lärchen keine Perspektive für die Pistenentwicklung hätte, zumal heute ganze Täler am Bogd Uul für Villenanlagen verbaut werden. Man kann den Investoren eigentlich nur wünschen, daß es eine gute Saison wird und das denen die Puste nicht ausgeht.

Die Provinzstädte der Mongolei

Dezember 24th, 2011

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Erdenet – Winter in der Provinz

Im letzten Beitrag hatte ich erklärt, dass es vor allem auch Ziel dieses Forum sei, die moderne, urbane Gesellschaft der Mongolei zu thematisieren, über das Leben der Viehzüchter wird ja ziemlich viel geschrieben und jeder hat da so seine Vorstellungen.

Wenn man das urbane Leben in der Mongolei beleuchtet, dann darf man sich aber nicht auf Ulaanbaatar beschränken, es gibt ja noch die Provinz oder Aimakstädte und über die weis man hierzulande fast gar nichts. Die Provinzstädte sind aber das eigentliche Bindeglied zwischen den Viehzüchtern in der Steppe und der Hauptstadt und es leben etwa eine dreiviertel Millionen Menschen in solchen Siedlungen. Eigentlich sollten diese Städte den wesentlichen Teil der Landflucht abfangen der heute direkt vom Lande in die Hauptstadt stattfindet. Die Bedeutung dieser Städte sollte auf alle Fälle gestärkt werden, dass wäre auf alle Fälle auch von Nutzen für die Hauptstadt, aber wie sieht es bisher in der Realität aus? Eher düster, wenn man sich mal so ein normales Aimakzentrum anschaut. In der Regel wohnen dort zwischen 20 und 40 Tausend Einwohner, aber die Infrastruktur reicht hinten und vorne nicht aus, so dass die Mehrheit der Bevölkerung in Jurten Siedlungen lebt. Hier fallen die Defizite zwar nicht so krass ins Auge wie in Ulaanbaatar, aber praktisch sind die nicht anders als in der Hauptstadt, hier akzeptiert man jedoch fehlende Wasserversorgung und unbefestigte Straßen eher als in der Millionenstadt. Unter den Provinzstädten gibt es zwei bis drei, die was ihre Größe und Urbanität betrifft deutlich herausfallen, das sind Erdenet, Darchan und vielleicht noch Tschoibalsan, den Rest kann man wohl in schlafende, von weitgehender Stagnation erfasste Siedlungen und sich entwickelnde Zentren unterteilen.

Was die drei großen betrifft, so hat man dort schon das Gefühl in einer Stadt im westlichen Sinne zu sein. Um die 100 000 Einwohner, ein Großteil davon wohnt in  Plattenbauten und ein wenig Industrie, dazu auch ein befestigtes Straßennetz und ordentliche Einkaufsmöglichkeiten. Am besten entwickelt ist das alles in Erdenet. Auf der etwa einen Kilometer langen Hauptstraße gibt es ein paar Hochhäuser, zwei richtige Warenhäuser und ein paar Restaurants, die auch ein Europäer freiwillig besuchen würde. Die Stadt ist eine Neugründung und verdankt ihre Entstehung der mongolisch-russischen Kupfermine. Der Bahnanschluss nach Ulaanbaatar ist akzeptabel und die Straße bis dorthin auch wenigstens in Asphalt.

In Darchan sieht es ähnlich aus, allerdings ist dort die Kaufkraft lange nicht so hoch wie bei den Minenangestellten von Erdenet, eine Industriestadt ist es aber dennoch und nicht so sehr in Abhängigkeit von dem einen Arbeitgeber wie Erdenet. In Tschoibalsan spielt die Industrie nur eine untergeordnete Rolle, demzufolge ist die Perspektive auch nicht so rosig.

Was die Zukunftsaussichten betrifft stehen einige von den übrigen Aimakzentren sogar besser da als die drei Großen. Dalanzadgad zum Beispiel hat drei Chancen einer positiven Entwicklung, das sind der Tourismus, das Kaschmire Geschäft und der Bergbau. Es sieht zwar heute noch nicht so toll aus im Ort, aber die Einwohnerzahl hat sich in 10 Jahren mehr als verdoppelt, es wird Geld verdient und man ist nahe dran an Oyu Tolgoi und Tawan Tolgoi. Es gibt heute schon ein kleines aber modernes Einkaufszentrum, man baut Eigentumswohnungen, ein sicheres Zeichen für kleinen Wohlstand und am Airport ist für mongolische Provinz Verhältnisse richtig Betrieb. Ein weiterer wirtschaftlicher Aufsteiger könnte Sainschand werden. Hier ist ein größerer Industriekomplex geplant. Mit seiner Lage an der Eisenbahn und in der Nähe der großen Kohlelagerstätten in der Gobi, keine schlechten Voraussetzungen.

Von der Bevölkerungszahl her entwickelt sich auch Murun ziemlich schnell nach oben, allerdings fehlt hier der große wirtschaftliche Initiator. Der Ort hat schon fast 50 000 Einwohner und eine wirklich schöne Umgebung, das Klima passt auch ganz gut und die Bevölkerung hier im Norden ist recht bodenständig und lebt schon länger in Siedlungen. Die wirtschaftliche Basis könnten hier eher Handwerk und kleine Betriebe bilden, also vielleicht die Schwaben der Mongolei. Hier hat man auch schon immer ein wenig mehr Wert auf das Ortsbild gelegt, als in den Wüstensiedlungen, viel gebracht hat es natürlich auch nicht, denn wie überall in der mongolischen Provinz fehlt den staatlichen Institutionen das Geld für Investitionen oder auch nur für die Sanierung der Erbschaften des Sozialismus. Ohne die sehe es in den Aimakstädten noch anders aus, denn nur bis 1990 wurden überhaupt größere Gebäude errichtet, dann passierte erstmal 15 Jahre überhaupt nichts.

Da diese Zentren alle etwa zur gleichen Zeit, in den 1970 er Jahren und mit ähnlicher Ausstattung errichtet wurden, sieht es auch immer fast gleich aus. Lediglich bei den wenigen in den letzten Jahren entstandenen Gebäuden gibt es eine gewisse Eigenständigkeit zu Erkennen. Das ist auch sicher einer der Gründe, warum sich kaum jemand mit seiner Provinzstadt identifiziert, oder gar stolz ist, das wiederum wäre aber wichtig, um die Leute wenigstens vor Ort zu halten. Manche Randgebiete eines Aimakzentrums sehen auch wirklich eher aus wie ein Notaufnahmelager nach einem Katastrophenereignis oder bestenfalls ein Feldlager. Während heute der Abstand zwischen einer deutschen Großstadt und Ulaanbaatar mehr und mehr schwindet, sind Vergleiche einer deutschen Kleinstadt mit einem mongolischen Provinzzentrum geradezu abstrus. Was in diesen Städten natürlich auch fast völlig fehlt sind Leute mit Kaufkraft, man kann sicher davon ausgehen, dass 99 Prozent der so genannten oberen Zehntausend der Mongolei in Ulaanbaatar leben, ein paar gibt es noch in Erdenet, aber der wohlhabendste Bürger von Mandalgobi dürfte in UB wohl kaum in einem Mittelstandsclub Aufnahme finden.                                                    

Zum Blog in eigener Sache

Dezember 3rd, 2011

Mal was in eigener Sache zu unserem Blog. Damit das ganze richtig lebendig wird ist es natürlich schön, wenn zu den einzelnen Beiträgen auch ein paar Meinungen oder Ergänzungen ins Spiel kommen. Nutzt also bitte die Möglichkeit, nicht nur zu lesen, sondern auch selbst kleine Beiträge zu den Themen zu verfassen. Es ist natürlich auch wichtig, dass möglichst viele Leser den Blog regelmäßig besuchen, dann entwickelt sich einfach auch mehr Diskussion, also den Link zum Blog weitergeben und wenn die Resonanz deutlich ist, dann werden auch häufiger neue Themen eingestellt.

Wir haben mit dem Blog eine gute Möglichkeit vielen Deutschen etwas über die Mongolei mitzuteilen, was über das übliche, – Nomade, Jurte, Dschingis Khan Enkel – Klischee hinausgeht.   

Wir wollen vor allem auch über die moderne Mongolei berichten, über Perspektiven, über das was in Ulaanbaatar passiert und das diese Stadt nicht unbedingt der hässlichste Ort der Welt ist, wie heute noch viele Mongoleireisende am Rande ihrer romantischen Berichte vom Steppenleben glauben mitteilen zu müssen. 

 

Legenden um das mongolische Nomadenleben

Dezember 1st, 2011

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Jurte in den Hochlagen des Changai

Um den mongolischen Nomaden und seine Lebensweise ranken sich in Europa zahlreiche Legenden und man pflegt auch beharrlich Mythen. Selbst Journalisten schreiben nicht selten, eben erst bei dem Kanzlerinnenbesuch konnte man das beobachten, Dinge, die aus ihrer Vorstellung entspringen, aber weniger der Recherche oder gar eigener Anschauung.

Allen voran steht die Vorstellung der umherziehenden, nichtsesshaften Sippe, die heute hier, morgen da ihre Jurte aufschlägt. Die Realität sieht deutlich anders aus. Jeder Viehzüchter in der Mongolei hat bestimmte Weidegebiete, die er nutzen darf. Je nach Vegetation sind diese Weidegründe, in denen er sein Vieh weidet größer oder kleinräumiger. Im Norden, bei genügend Grün und Zugang zu Wasser kann es sein, dass die Herde wochenlang an der gleichen Stelle genügend Futter findet, dann bleibt natürlich auch die Jurte dort stehen. Was man aber immer antrifft, ist ein spezieller geschützter Lagerplatz für den Winter und ein Sommerlager. Was dazwischen passiert ist sehr unterschiedlich, in trockenen Regionen können das 5 bis 10 unterschiedliche Standorte sein, wenns günstiger ist auch nur einer oder zwei. Auch ist der Aktionsradius recht unterschiedlich, von drei, vier Kilometern bis vielleicht 50, aber immer wird der Viehzüchter die Orte aufsuchen, wo er schon immer seine Jurte aufgebaut hat. Ein Viehzüchter in der Gebirgswaldsteppe des Changai oder im Norden des Landes wird also kaum größere Wanderungen unternehmen, sein Standort ist auch ziemlich genau bekannt, die Verwaltung und auch die Nachbarn wissen natürlich wo er ist, er hat auch sozusagen eine amtliche Adresse, natürlich nicht mit Straßennamen und Hausnummer, aber der Kreis und die Gegend wo er lebt sind bekannt. Er ist dort registriert, hat einen Pass und alle Rechte und Pflichten wie ein Bürger in der Hauptstadt. Ich habe Familien getroffen, die wohnten im Sommer am Seeufer und als ich nach dem Winterlager fragte, zeigten sie auf eine Holzhütte am nahen Bergfuß, hier waren sie geboren und hier würden sie vermutlich auch bis zum Lebensende bleiben. Die meisten Deutschen sind mehr Nomade als diese Leute.

Eine weitere Legende sind die Großfamilien oder gar Clans, die in den Köpfen der Menschen hierzulande die Steppe bevölkern. Ein Ail, also die kleinste Einheit der Viehzüchter kann aus einer manchmal zwei oder drei, aber kaum mehr Jurten bestehen. Es sind in der Regel, die Eltern mit den kleineren Kindern, eventuell noch die Großeltern, die da zusammenwohnen. Sollten sich mehr als zwei Jurten zusammenfinden ist oft eher eine fremde Familie dabei, als direkte Verwandte. Auch wenn eine Viehzüchterin fünf oder sechs Kinder hat, es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass die dann, einmal erwachsen, auch alle zusammen wohnen. Es gibt auch keinen sonderlich festen Zusammenhalt innerhalb der Verwandtschaft, insbesondere keine wirtschaftlichen Verknüpfungen, jeder macht eigentlich sein Ding. Das merkt man dann auch deutlich in der Stadtbevölkerung, ist jemand zu Vermögen gekommen und hat eine Firma oder sonst wie Macht und Einfluss, dann wird er sich eher einen verlässlichen Geschäftspartner suchen, als beispielweise die Geschwister oder gar noch entferntere Verwandte mit ins Boot zu nehmen.                

Die wohl unwahrste Vorstellung ist die von einem mächtigen männlichen Familienoberhaupt, der die Geschicke in der Jurte bestimmt. Die Frauen haben in der Jurte eindeutig das Sagen. Sie verwalten das Geld und Treffen die wichtigen Entscheidungen. Dem Gast wird in der Jurte zwar eine Vorstellung geboten, bei der die Frau den Mann bedient und der Anschein erweckt wird es handelte sich um eine absolute Autorität, aber das kann man getrost als Inszenierung betrachten, der Mann hat seine Freiheiten und kleine Privilegien, aber zu sagen hat er eigentlich nicht viel.       

Der mongolische Viehzüchter ist auch kein zivilisationsverachtender Weltfremdling. Nahezu alle Viehzüchter haben in ihrer Kindheit mal eine Schule in einer Siedlung besucht, oft dann auch in einem Internat gelebt. Sie sehen für ihr Leben gern TV, sofern der Empfang das hergibt und träumen alle davon ein Auto zu besitzen, zumindest die Männer. Sehr selten ist es auch der in der westlichen Vorstellung lebende Naturmensch, dem der Einklang mit derselben über alles geht. Er versucht natürlich traditionell die Ressourcen so nutzen, dass er sich nicht selbst die Existenz abgräbt, aber das wars oft auch schon. Der Müll fliegt in die Landschaft, Hauptsache man stolpert nicht selbst drüber, wenn Kaschmirwolle hoch im Kurs steht, dann werden eben wider besseren Wissens Ziegen statt Schafe gehalten und wenn ein paar Bäume in der Nähe sind, dann kommen die in den Ofen anstatt traditionell der Dung, das macht schneller warm und ist einfacher zu sammeln.

Nun haben meine Ausführungen vielleicht den einen oder anderen der bald mal in die Mongolei fahren wollte desillusioniert, aber es ist trotzdem interessant mal in einer Jurte vorbeizuschauen und mit den Leuten reden, gerade weil sie eben doch so unexotisch sind.  Man trifft in der Regel ganz coole Leute, die es schaffen unter extremsten Bedingungen zu leben, bei denen jeder deutsche Aussteiger nach ein paar Tagen alles hinschmeißen würde.                 

Die mongolische Demokratie

November 30th, 2011

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Das Regierungsgebäude in Ulaanbaatar

Im Zuge des Besuches der Kanzlerin in Ulaanbaatar konnte man es allenthalben Lesen, die Mongolei wird im Westen bezüglich Ihrer Demokratie häufig gelobt. Was ist die mongolische Demokratie eigentlich? Oder wie demokratisch ist dieses System. Wenn man mal die aktuelle Situation mit anderen Staaten der Region vergleicht, also China, den ehemaligen Sowjetrepubliken oder Russland, dann ist natürlich die mongolische Gesellschaft geradezu eine Musterdemokratie aber trotzdem funktioniert es im politischen Alltag zumindest ganz anders als zum Beispiel in Deutschland.

Wenn man unter einer demokratischen Gesellschaft zunächst mal freiheitliche Rechte versteht, also Meinungsfreiheit, die Freiheit sich politisch betätigen zu können, Pressefreiheit oder auch die Wahrung von Bürgerrechten, dann ist die Mongolei kaum zu unterscheiden von westeuropäischen Staaten. Es gibt eine Unzahl von Parteien und politischen Bewegungen, es wird ewig über Themen debattiert, jeder der sich dazu berufen fühlt kann seine Meinungsäußerungen unbeschadet in die Öffentlichkeit bringen, selbst wenn es bis zu Verleumdungen, Unterstellungen oder Beleidigungen geht passiert in der Regel nichts.

Das Recht auf Demonstrationen ist sowohl im Gesetz als auch in der Praxis jederzeit gewahrt und die Mongolen haben mit ihren Protestjurten auf dem Suche Baatar Platz möglicherweise das Vorbild geschaffen, für die späteren Zeltplatzdemos auf allen möglichen Plätzen dieser Erde, von der Ukraine bis nach Nordafrika und nun Occupy, zumindest waren es die ersten, die das Innenstadtcamping als Protestform kultiviert haben.

Das Recht auf freie Wahlen wird eigentlich ziemlich sauber umgesetzt, wenn auch die Verlierer manchmal das Gegenteil behaupten, eine größere Wahlmanipulation wurde noch nie bewiesen und ist auch nicht sehr wahrscheinlich.  

Im Parlament selbst funktioniert die Demokratie eigentlich auch ganz gut, denn im Gegensatz zu Deutschland hat man hier bei der Abstimmung nicht mal diesen sklavischen Fraktionszwang und so mancher Politiker vertritt durchaus mal eine andere Meinung als sein Parteichef, wirklich wohltuend wenn man mal an den deutschen Bundestag denkt, wo Entscheidungen ja nur noch abgenickt werden. 

Was ist nun der Grund, warum man als Beobachter in Ulaanbaatar doch nicht so zufrieden sein kann mit der Demokratie? Es sind einfach immer die gleichen Leute, die politische Ämter besetzen und es sind immer auch Leute mit sehr eigenen wirtschaftlichen Interessen, Unternehmer, Geschäftemacher, Vermögende und es sind nicht unbedingt die edelsten Charaktere, die da auf den Parlamentsbänken sitzen. An dieser Situation wird sich wohl auch in Zukunft wenig ändern, denn es fehlen zwei wichtige Dinge zur lebendigen Demokratie. Das sind zunächst die   Politiker, die frei von eigenen wirtschaftlichen Interessen arbeiten und entscheiden können. Schon die Parteien verfügen kaum über solche Art Berufspolitiker.  Ein paar Parteiangestellte werden von der Partei mehr schlecht als recht bezahlt, um die organisatorische Arbeit zu machen, die wenigen Spitzenpolitiker verdienen ihr Geld nicht bei der Partei. Die Rollen sind klar verteilt, Parteiarbeiter auf der einen und Prominente auf der anderen Seite. Der Wahlkampf eines Kandidaten zur Parlamentswahl wird auch immer von diesem privat finanziert, im Gegenteil bei den Exkommunisten musste man bei der letzten Wahl sogar ein Startgeld an die Partei bezahlen um kandidieren zu dürfen. Dieses System stellt praktisch sicher, dass immer nur die Kader mit hohen privaten Vermögen auch wieder den Weg ins Parlament finden können. Persönliche Fähigkeiten oder gar Charaktereigenschaften spielen bei dieser Auswahl überhaupt keine Rolle. Sofort stellt sich dann noch die Frage, warum will dann jemand, der Firmen und privates Vermögen besitzt überhaupt in ein Parlament, wo er im Monat soviel verdient, wie er sonst an manchem auf einmal Tag ausgibt? Ganz paradox wird die Betrachtung, wenn man berücksichtigt, dass ihn der Wahlkampf die üblichen einhunderttausend bis eine Millionen USD kostet und das ungefähr das zwanzigfache von dem ist, was er in seiner Parlamentsarbeit in den vier Jahren verdienen wird. Die Erklärung ist ebenso simpel, wie pervers, er geht davon aus, dass er seinen Einsatz für Plakate, Helfer, Shows und Feuerwerke im Wahlkampf doppelt und dreifach wieder zurückbekommt, wenn er seine parlamentarische Arbeit möglichst effizient macht und das bedeutet in Ulaanbaatar, möglichst wenig Sitzungsaufwand und seine eigenen Projekte oder die an denen man prosperiert durchzubringen.   

Es gibt aber noch einen zweiten Grund, warum man in der Mongolei trotz Demokratie und Wahlen wohl noch lange Zeit immer die gleichen Politikergesichter im TV sehen wird, das ist der Wähler selbst. Leider ist die Bevölkerung an der Realpolitik nahezu gar nicht interessiert.  Es ist den Leuten auf der Straße eigentlich egal, welche Strategien die Parteien für die Lösung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme bereithalten, sofern sie es überhaupt tun. In der Regel werden von den Parteien sowieso nur allgemeine und pauschale Versprechungen gemacht, aber auch da überlegt der mongolische Wähler nicht lange, er findet das gut, was ihm persönlich scheinbar nutzt und ob Projekte überhaupt real sind darüber denkt er kaum nach. In der Regel wird dem Wähler einfach Geld versprochen, Bürgergeld, Kindergeld, höhere Mindestlöhne oder einfach eine Prämie für alle, wenn man den oder den wählt. Kommt dann der Wahltermin immer näher fährt mancher mongolische Wähler auf immer simplere Reize ab, der Kandidat hatte ein gutes Feuerwerk inszeniert oder eine bekannte Popband auf die Bühne gestellt oder kostenloses Feuerholz für die Jurte im Winter versprochen. So wählt man halt immer wieder die gleichen prominenten Leute. Man hat sogar das Gefühl, der mongolische Wähler verbindet seine Stimme generell lieber mit einem Sieger und gewinnt sozusagen mit dem als auf der Verliererseite zu stehen.

Wenn man die Frage stellt, wem nutzt diese mongolische Form der Demokratie am meisten, muss man ganz klar sagen, der kleinen vermögenden politischen Klasse in Ulaanbaatar selbst. Die kann ihre politische Macht dazu nutzen ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten zu verbessern und sie kann im Gegenzug ihre wirtschaftliche Potenz wiederum einsetzen um die politische Macht zu sichern, dabei ist eigentlich gar nicht mehr wichtig welcher Partei man angehört, Hauptsache man sitzt im Parlament und mittlerweile arrangiert man sich immer ganz gut miteinander, ob Wahlverlierer oder Wahlsieger, das ist fast egal in Ulaanbaatar.     

Würde man eine Regelung finden, wonach Politiker nicht nach ihrem Vermögen, sondern nach ihren politischen Kompetenzen als Kandidaten in den Wahlkampf gehen könnten, hätte die mongolische Demokratie schon viel gewonnen.

Landflucht in der Mongolei

November 16th, 2011

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Immer mehr Mongolen ziehen das Stadtleben der Steppe vor

Als ich das erste mal 1985 die Mongolei besuchte, wohnten um die 500 000 Menschen in der Stadt Ulaanbaatar, heute sind es 1,2 Millionen. Die Gesamtbevölkerung lag damals bei etwas mehr als 2 Millionen, heute sind es etwa achthunderttausend mehr. Während die Gesamtbevölkerung also etwa 40 Prozent zugelegt hat, ist die Einwohnerzahl der Hauptstadt um 140 Prozent gewachsen. Hinter dieser Zahl steht eine Welle der Landflucht, die sich seit den 1990 er Jahren vollzieht und deren Geschwindigkeit zunimmt. Derzeit siedeln etwa 50 000 Menschen pro Jahr nach Ulaanbaatar um. Westliche Kommentatoren, insbesondere aus Kreisen von Entwicklungshilfeorganisationen, sehen die Ursachen hauptsächlich im wirtschaftlichen Bankrott von Viehzüchtern, die ihre Herden verloren haben. Diesen Fall gibt es sicherlich auch, er erklärt aber nicht die Größenordnung der Wanderungsbewegung. Es gibt auch mindestens drei Bevölkerungsgruppen aus denen sich der Zuzug zusammensetzt, das sind neben ganzen Viehzüchterfamilien, vor allem die Jugendlichen, die zur Ausbildung nach Ulaanbaatar gehen und dann dort bleiben. Eine dritte Gruppe sind ältere Leute, die am Ende ihres Lebens zu Kindern oder Verwandten in die Stadt übersiedeln. Während die letzten beiden Gruppen die Entscheidung eindeutig freiwillig treffen, gibt es bei den Viehzüchterfamilien sowohl den Fall, dass man aus wirtschaftlicher Not das Leben auf dem Lande aufgibt, es kann aber durchaus auch sein, dass man noch genügend Vieh besitzt um eine Existenz abzusichern, aber man dennoch die Herde verkauft und mit dem Geld versucht eine neue Existenz in der Stadt aufzubauen.

Oft wird die Situation im Westen so dargestellt, dass der Viehzüchter praktisch nie freiwillig sein Leben in der Steppe aufgibt, der Beobachter vor Ort weiß aber, dass das Stadtleben auf viele Viehzüchter eine starke Anziehung ausübt, nicht nur auf junge Leute, auch Frauen im mittleren Alter ziehen nicht selten ein Leben in der Stadt vor. Für viele ist aber die Existenz in der Stadt zu unsicher, als dass sie den Schritt gehen. Wären die Chancen auf gut bezahlte Arbeit in der Hauptstadt besser, sehe die Tendenz noch ganz anders aus.

Bis zur politischen Wende 1990 wurde der Zuzug vom Land nach Ulaanbaatar streng geregelt. Eine Wohnsitznahme in der Hauptstadt war mit hohen Hürden verbunden und nur wenige schafften den Sprung nach Ulaanbaatar, selbst als studierter Landbewohner landete man eher in einem Aimakzentrum. Hätte es die staatlichen Regelungen nicht gegeben, wäre die derzeitige Situation sicher schon in den 1990 er Jahren eingetreten.

Bis zur Wende hatten die Behörden versucht, den genehmigten Zuzug an den Bau von neuen Wohnungen und die Schaffung von Arbeitsplätzen zu koppeln.

Auch wenn es nicht der Wunsch so manchen Ethnofreundes ist, die Landbevölkerung in der Mongolei wird weiter rapide abnehmen. Eine moderne Industriegesellschaft kann einfach nicht für 30 Prozent der Bevölkerung Arbeit in der Landwirtschaft bereithalten. Geht man einmal von 10 Prozent aus, dann wären dass maximal dreihunderttausend Menschen insgesamt.

Die Vorteile, die eine moderne Großstadt bieten kann sind einfach auch für Landmongolen zu verlockend. Eine beheizte Wohnung wirkt bei Wintertemperaturen von unter minus 30 Grad für jeden der das mal erlebt hat, fast existenziell, fließendes Wasser, für einen Viehzüchter unerreichbar, oder die Möglichkeit in wenigen Minuten einen Notarzt zur Seite haben zu können.

Es gibt aber auch so ganz triviale Dinge wie den Fernsehempfang mit dutzenden Programmen oder ein Warenangebot das nahezu alles bietet. Entgegen vielen Thesen lieben es Mongolen auch unter Leuten zu sein und wochenlang in der Jurte nur die Familie um sich zu haben gefällt auch dort keinem wirklich.

Natürlich bedeutet für einen Übersiedler Ulaanbaatar nicht automatisch Wohnung, fließendes Wasser und Geld zum Shopping, aber man ist dem ganzen schon einen wesentlichen Schritt näher als 1000 Kilometer weiter in der Gobi. Am Anfang werden viele erstmal in einer der sogenannten Jurtensiedlungen landen, mit ihrer Jurte ein Stück Land in Anspruch nehmen. Wobei hier schon der erste Anreiz gesetzt ist, denn dieses Grundstück wird dann zum Privatbesitz und ist möglicherweise später sogar verkäuflich, draußen auf dem Lande hatte man das nicht, man konnte zwar Land nutzen, aber nicht besitzen. Der Mongole, auch der vom Lande, hat in der Regel auch kein so großes Problem mit der Stadt. Er ist anpassungsfähig, deutlich mehr als ein Deutscher oder Chinese. Er ist auch nicht unbedingt darauf erpicht in einer Jurte alt zu werden, eine Wohnung im Hochhaus lockt viele, es scheitert eher am Geld für die eigene Immobilie.               

Nahverkehr in Ulaanbaatar

Oktober 27th, 2011

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 Mit dem 2 Tonnen Jeep ins Büro – Alltag in UB

Der Nahverkehr oder einfacher gesagt, der Straßenverkehr in Ulaanbaatar ist ein echter Aufreger um es mal treffend zu beschreiben. Täglich verlieren tausende von Kraftfahrern wertvolle Nervenzellen bei dem Versuch ihr Auto zwei, drei Kilometer durch das eigentlich sehr übersichtliche Stadtzentrum zu manövrieren. Viele Menschen verwenden täglich einen erheblichen Teil ihrer psychischen und physischen Kraft darauf nur, um zur Arbeitsstelle zu gelangen, bzw. wieder nach Hause zurückzukehren. Vermutlich müssen sie die Arbeitszeit dann wirklich dafür nutzen sich vom Anreisestress zu erholen und Kraft für die Heimfahrt zu sammeln.

Der Grund für das Dilemma ist zum Einen die Überlastung an einigen Hauptstrecken und Knotenpunkten des Straßennetzes und zum Anderen die Fahrphilosophie der mongolischen Lenker, die immer nur eine Richtung kennt, nämlich nach vorne ohne die geringste Rücksicht auf Rechts, Links oder den Hintermann, auch wenn es schon offensichtlich aussichtslos erscheint. So werden kleinste Lücken im Stau sofort zugestellt, damit sich am Ende überhaupt nichts mehr bewegen kann. Staus mit totalem Stillstand und quer stehenden Fahrzeugen wo eigentlich gar keines hingehört, sind keine Seltenheit.

Eine Lösung des schon wirklich heftigen Problems kann eigentlich nur bei dem zuerst genannten Defizit ansetzen, den verkehrlichen Engstellen, das zweite Problem, die egozentrische Fahrweise, wird wohl niemand in den nächsten Jahrzehnten heilen können.

Der dritte Lösungsweg, wäre der Ausbau eines echten Nahverkehres, damit wären eigentlich beide Probleme gelöst, wer in Bus oder Bahn unterwegs ist kann kein Chaos fabrizieren und der Verkehr würde sicher merklich schrumpfen.

Lösungsansätze werden immer wieder diskutiert, die Erweiterung des Busverkehrs oder ein U-Bahnnetz, wobei die Erweiterung des Busverkehrs erst dann einen Effekt bringt, wenn möglichst viele Einwohner daran teilnehmen. Da liegt aber das Problem, der Bus gilt in UB, da dort oft hässlich und alt, als Armeleuteverkehrsmittel und solange der Bus auch im Stau steht und nicht vorwärts kommt, macht es gar keinen weiteren Sinn ihn zu benutzen. Attraktiv wäre natürlich dagegen die U-Bahn, die würden auch die wohlhabenderen Bürger benutzen, da man damit modern und schick unterwegs wäre, von der enormen Zeitersparnis mal abgesehen, wenn man davon ausgeht, dass auf der Friedenstraße am Abend ein Kilometer mal gut und gerne 30 Minuten Fahr- bzw. Standzeit bedeuten können.

Was die U-Bahn aber so unrealistisch erscheinen lässt, sind neben den enormen Kosten, die lange Planungs- und Bauzeit, was aber die Verantwortlichen der Stadt nicht davon abhält, immer wieder Studien dazu in Auftrag zu geben.

Einen Ausweg dazu könnte eine Hybridbahn bilden, die im Grunde genommen auf einem Straßenbahnsystem beruht, dass aber wo notwendig, auch mal unter der Erde geführt wird. Solche Überlegungen scheinen aber nicht für mongolische Politiker geeignet zu sein, hier gilt nur Hopp oder Flop. Eine U-Bahn würde Ulaanbaatar gleich auf den Standard von Tokio oder London befördern, da würde man sich gern sehen, aber Irkutsk, wo man schon lange mit der Straßenbahn fährt, hat man doch wohl überholt. Außerdem klingt keine Infrastrukturvision in der Mongolei zu phantastisch, als dass sie nicht doch verbreitet werden könnte.

So planen also derzeit ein paar japanische Ingenieure an einer sogenannten Vollmetro für Ulaanbaatar, deren Realitätsferne eigentlich nur noch von dem Projekt des einhunderttausend Studenten-Luxuscampus in Nalaich übertroffen wird.

Für eine moderne Straßenbahn, die im Übrigen in Europa auch mit schicken Fahrzeugen ausgestattet wird, braucht man etwas Platz in der Mittellage der Straße, ein paar Millionen für die Grundausstattung mit Gleis und Fahrdraht und dann kann es losgehen. Erst mal vielleicht 5 oder 6 Kilometer und dann in jedem Sommer ein paar dazu, unkompliziert und jederzeit erweiterbar. Wenn man dann mal am Suchebaatar Platz oder unter einer Kreuzung einen halben Kilometer im Tunnel verschwindet hat man für ein paar Sekunden sogar das Gefühl einer U-Bahn.

Bei den von den russischen Planungsbüros in den 1960 er Jahren geplanten breiten Hauptstraßen wäre genug Platz für ein eigenes Gleisbett der Straßenbahn, wenn gleichzeitig ein Teil der täglichen Autofahrer auf die Bahn umsteigen würden. Wenn man sich aber die Arbeit der mongolischen Stadtplaner ansieht, kann man auf soviel Vernunft kaum hoffen, da wird ein 60 000 Einwohnerstadtteil neu errichtet und über zwei ganze sechs Meter breite Sträßchen mit der restlichen Stadt verbunden, eine davon geht noch über einen beschrankten Bahnübergang aus Großmutters Zeiten.